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Vom Beruf zur Berufung: Wenn man sich mitten im Leben neu erfindet

01.11.2017

Erst beschäftigte sich Christian Merz mit Scheidungen – dann begann er Ehen zu schliessen. Ein Interview über einen ungewöhnlichen Werdegang.

Karrieren müssen nicht linear verlaufen. Das längere selbstbestimmte Leben bedeutet für viele Menschen, auch mal mitten in der Karriere einen komplett neuen Weg einzuschlagen. Christian Merz, 1943 geboren, ist ein exzellentes Beispiel dafür, dass die selbstbestimmte Gestaltung des Lebens oft keine Linearität kennt, ja sogar gegensätzlich verlaufen kann. Der ehemalige Rechtsanwalt und Ausserrhoder SP-Vertreter war im Nationalrat und beriet seine Appenzeller Klientel dabei, Scheidungen so angenehm wie möglich über die Bühne zu bringen. Im Alter von 40 Jahren entschied er sich, Rechtswissenschaft und Politik den Rücken zu kehren und sich stattdessen zum Theologen ausbilden zu lassen. Was heute gesellschaftlich eher akzeptiert ist, war früher weitaus seltener der Fall. Wie es zu diesem ungewöhnlichen Wandel kam, erzählte uns Christian Merz im Gespräch.

Christian Merz_ref-sh.chSelbstbestimmt leben: Christian Merz hat einen ungewöhnlichen Werdegang



SL: Herr Merz, Sie waren erst Rechtsanwalt, dann Politiker und schliesslich Pfarrer. Eine ungewöhnliche Karriere, möchte man sagen. Wie kam es dazu?
  

CM: Ich war nach meinem Jura Studium über längere Zeit als Feld-Wald-und-Wiesen- Anwalt tätig. Zu dieser Zeit gingen die Leute selten zum Anwalt und auf dem Land war es dementsprechend schwierig, sich zu spezialisieren. Ich regelte verschiedene rechtliche Probleme, oft aber familienrechtliche Angelegenheiten. Immer an die Wirtschaftlichkeit eines Falles zu denken, ging mir gegen den Strich – wegen einer Parkbusse zu prozessieren war einfach nicht meins. Ich wollte wieder zurück ins Bündnerland und sehnte mich nach einem Beruf, bei dem man nicht zuerst die hohle Hand machen muss. Mein Grossvater hatte schon auf diesem Beruf gearbeitet, was mich sehr inspirierte. Ich überlegte mir den Schritt, weil es eine Möglichkeit war, einen Dienst an der Bevölkerung zu tun, in einer Gemeinde etwas beizusteuern.

SL: War es nicht ein völlig neuer Weg, den Sie eingeschlagen hatten?
  

CM: Das würde ich so nicht sagen. Beides ist ein Dienst an der Gesellschaft, wenn auch nicht der gleiche. Bei einer Scheidung beispielsweise tut man auch einen Dienst, wenn man es schafft, dass beide Parteien das Gesicht wahren können und auf friedlichem, respektvollem Wege eine Einigung erreichen.

SL: Gab es einen Schlüsselmoment, der Sie zur Umorientierung ermutigte?
  

CM: Von einem Schlüsselmoment als solchen würde ich nicht sprechen, doch die Familie spielte eine wichtige Rolle. In meinem Beruf als Anwalt und parallelen Tätigkeit als Nationalrat war ich enorm viel unterwegs und meine Frau Monika war nicht in meine Tätigkeit als solches eingebunden. Ich kann mich an einen Moment erinnern, in dem mir richtig klar wurde, wie selten ich daheim war.
Abgesehen von der Familie war auch Sicherheit ein Thema. Früher ging man sehr spärlich zum Anwalt und das Einkommen war alles andere als sicher. Im Pfarrberuf sah ich einerseits eine willkommene Erweiterung meines Horizonts und nicht zuletzt auch ein festes Einkommen. Älter werden heisst auch, dass man nicht mehr drei oder vier Sachen nebeneinander stemmen kann. Ich wusste, dass ich im Hinblick auf meine zweite Lebenshälfte meinen Fokus neu setzen wollte.

SL: Was hatten Sie für Reaktionen aus ihrem Umfeld, als Sie mit 40 noch einmal einen anderen Weg einschlugen?
  
CM: Die Reaktionen waren extrem gemischt, als ich als 40-jähriger Nationalrat plötzlich wieder im Vorlesungssaal sass und mich dem Theologiestudium widmete. Die Kinder reagierten sehr unterschiedlich. Mein Sohn Jürg hat nur gelacht. Meine Tochter Annina, damals noch ein kleines Mädchen, malte Kreuze aufs Garagentor. Einige Freunde kehrten uns den Rücken zu, andere wiederum fanden den Entscheid mutig und fingen an, ihren eigenen Werdegang zu hinterfragen. Doch die allermeisten davon fuhren auf der gewohnten Schiene weiter. Mein Vater, Chefarzt im Spital Herisau, war stark gegen meinen Entscheid. Da sein eigener Vater Pfarrer gewesen war, erlebte er, dass ausser dem Pfarrhaus wenig übrig blieb am Ende des Monats. Es war zu jener Zeit keineswegs üblich, mitten im Leben den Beruf zu wechseln und deswegen war ich mir bewusst, dass manche Leute kein Verständnis dafür haben würden.

«Manchmal sucht man nicht nach dem Unbekannten, sondern es klopft einfach an der Türe.»

 SL: Sie haben sich in ihren verschiedenen Stationen mit Schicksalen von Menschen beschäftigt. Hat sich Ihre Perspektive auf das Leben verändert?
   

CM: Meine Grundeinstellung gegenüber dem Leben hat sich nicht verändert. Was sich veränderte, sind meine Vorstellungen von den jeweiligen Tätigkeiten: Als Anwalt war ich sehr oft in Streitigkeiten innerhalb von Familien involviert, vor allem des Geldes wegen. Ich dachte mir, es wäre toll, da einzusteigen, wo alles beginnt und Familien und Ehepaare auf ihrem weg zu begleiten und vielleicht auch ein Scheitern zu verhindern. Die Realität zeigte, dass das oft unmöglich ist. Der Stellenwert eines Pfarrers in der Gemeinde hat einen enormen Wandel durchgemacht. Zu Zeiten meines Grossvaters ging man nicht zum Psychologen oder einem sonstigen Berater, sondern zum Pfarrer. Man war stark involviert und pflegte sehr langjährige Beziehungen zu seinen ehemaligen Konfirmanden und Ehepaaren, die man traute. Mir scheint, als habe die Intimität zwischen Pfarrer und der Kirchgemeinde nachgelassen. Mit persönlichen Themen gehen die Einwohner heute zum Psychologen.

 SL: Eine Neuorientierung kommt nicht von heute auf morgen. Wie muss man sich einen solchen (Entstehungs)Prozess vorstellen?
   

CM: Ein solcher Prozess ist deutlich einfacher, wenn man von der Familie unterstützt wird. Meine Frau hat mir klar zu spüren geben, dass ich den Schritt wagen sollte, sofern ich dazu bereit bin. Mit 40 hat man noch die nötigen aktiven Zellen und die Motivation, komplett umzukrempeln.

SL: Waren Sie schon immer jemand, der das Neue, Unbekannte suchte?

CM: Nein. Ich war tendenziell immer ein ängstlicher Mensch wenn es um Wandel ging. Das bestehende anzutasten liegt mir eigentlich nicht in der Natur und auch durch die Heirat mit meiner Frau änderte sich das wenig. Sie kam aus einer Familie von Textil-Produzenten, eine Branche, die zu jener Zeit enormen Konjunkturschwankungen unterworfen war. Durch das Hin und Her von mausarm und reich hatte sie ein ausgeprägtes Verlangen nach Sicherheit, das auch auf mich abfärbte. Manchmal sucht man nicht nach dem Unbekannten, sondern es klopft einfach an der Türe. In dem Moment, indem ich mit dem Gedanken spielte, den Beruf zu wechseln, ist ein Platz frei geworden. Ich konnte mich auf das Risiko einlassen, weil ich andere Standbeine in Politik und dem Anwaltsberuf hatte, die mich notfalls getragen hätten.

SL: Was raten Sie Personen, die sich über eine Neuorientierung ebenfalls Gedanken machen?

CM: Kommunikation ist das Wichtigste. Man soll Partner/in und Kinder in seine Pläne einweihen und besprechen, was einen beschäftigt, auch wenn der 20-jährige Sohn den Wandel vielleicht nicht nachvollziehen kann. Es gibt immer Freunde, die warnen und andere, die bestärken. Im Dialog findet man heraus, welchen Weg man gehen soll. Dazu kommt natürlich die finanzielle, materielle Absicherung. Vorsorgen kann einem den Puffer geben, den man für eine Neuorientierung braucht.


SL: Würden Sie es heute wieder so machen?

CM: Das ist im Nachhinein immer schwierig zu sagen. Ich bin aber sicher, dass man im Moment, in dem eine Entscheidung ansteht, auf das Bauchgefühl hören sollte. Für mich war der Beitragsgedanke immer ein wichtiger und ich folgte ihm. Mich hat es erfüllt, einen Beitrag zur Kultur zu leisten. Ich predigte auf romanisch, was nicht viele Pfarrer taten. Ich fühlte mich im Pfarrberuf frei. Ich hatte das Gefühl nicht eingeschränkt zu werden – ich musste keine fromme Haube anlegen. Ich bin ein sehr liberaler Geist, gewisse Leute wären nie zu mir in den Gottesdienst gekommen, Sympathie und Antipathie gibt es überall. Meine Tür war offen für alle.

SL: Was ist für Sie im Alter zentral?

CM: Ich möchte selbstbestimmt leben. Das bezeichnet für mich das Zusammenspiel von verschiedenen Faktoren. Zum einen beobachte ich gerne. Ich informiere mich täglich in Zeitung und Radio über die Geschehnisse in unserer Welt. Ich will die Gesellschaft aktiv wahrnehmen. Anders als viele Altpolitiker muss ich nicht immer meinen Senf dazu geben. Andererseits spielt für mich das Füreinanderdasein eine wichtige Rolle. Dazu zählt das Unterstützen der Familie in verschiedenster Weise und nicht zuletzt das Vermitteln von Wissen an die nächsten Generationen. Spüren, dass man gebraucht wird und nach wie vor einen Beitrag leistet, ist essentiell für mich im Alter.

 

 

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