«Ab 50 wurde das Leben spannender» – ein Interview zu Selbstständigkeit im Alter

12.12.2017

Bereits im Alter von 10 Jahren musste Vinzenz Rösli auf dem Bauernhof kräftig anpacken. Später machte er 4 Jobs gleichzeitig, um seine Familie durchzubringen. Heute, mit bald 70 Jahren, denkt er noch immer nicht ans Aufhören.

Vinzenz Rösli, Ihre Laufbahn ist keine klassische. Wie kam es dazu?

Ich habe schon im jungen Alter viel gearbeitet. Ab der 4. Klasse musste ich jeden Morgen um 5 Uhr aufstehen, um auf dem Hof mitzuhelfen. Tagsüber war ich in der Schule, ab 16 Uhr dann wieder im Stall, während die Hausaufgaben erst nach der Arbeit anstanden – während die Erwachsenen beim Jass sassen. Nach der offiziellen Schulzeit arbeitete ich als Weinbauer in Frankreich. Eigentlich wollte ich nach Südafrika, um auf einem Weingut zu arbeiten – da aber mein Visum abgelehnt wurde, kehrte ich in die Schweiz zurück und da ich keine bessere Idee hatte, ging ich zur Polizei. Die Arbeit als Polizist erfüllte mich aber nicht, und so absolvierte ich berufsbegleitend die Abendschule für Sozialarbeit. Es gab in meinem Leben einige Abschnitte, in denen mein Leben nur ein Wort kannte: Arbeiten. Als Kind machte ich die Erfahrung, dass wer arbeitet anerkennt und gemocht wird. Ich wollte meine Sache deshalb immer schneller, genauer und verlässlicher machen als die anderen.

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Vinzenz Rösli geht selbstbestimmt durchs Leben. Mit bald 70 Jahren ist er immer noch selbstständig.


Was haben Sie aus den jeweiligen Stationen in Ihrem Leben mitgenommen?

VR: Aus meiner Zeit in der Landwirtschaft habe ich viele handwerkliche Fähigkeiten mitgenommen und die Erkenntnis, dass es für vieles einen richtigen Zeitpunkt gibt. Als junger Polizist habe ich gelernt, Verantwortung zu übernehmen und in komplexen Situationen sofort zu handeln – aber auch einen Standpunkt präzise zu formulieren und Anweisungen ohne eigene Meinung umzusetzen. Letzteres war schwierig für mich. Die berufsbegleitende Ausbildung zum Sozialarbeiter hat mir unwahrscheinlich viel Neues aufgezeigt und ich habe die katholischen Luzerner-Hinterland-Werte, mit denen ich aufgewachsen bin, erstmals in Frage gestellt. Dann folgte die Ausbildung zum Paar- und Familientherapeut, in der ich vieles, was ich in meinen anderen Ausbildungen gelernt habe, brauchen konnte. Auch heute habe ich zwei Berufsstandbeine, systemische Paar- und Familientherapie und als Familienmediator mit Spezialgebiet Familienrecht – auch da helfen mir die Erfahrungen, die ich mit der Juristerei bereits in der Polizeischule gemacht habe.

«Ich habe erstmals richtig hingeschaut und überlegt: Was will ich wirklich im Leben?»

Eine Neuorientierung kommt nicht von heute auf morgen. Wie muss man sich einen solchen (Entstehungs)Prozess vorstellen?

VR: Wenn ich im Arbeitsprozess wahrgenommen habe, dass es nichts mehr zu lernen gibt, war das für mich ein Ansporn, etwas Neues in Angriff zu nehmen. So ganz nach dem Motto: das hab ich jetzt gesehen – es muss doch noch was anderes geben! Ich teilte meine Lebenszeit nie in Arbeitszeit, Freizeit, Wochenendzeit, Ferienzeit ein. Mein Credo lautet: es gibt Schlafzeit und Wachzeit. Ich hatte aber niemals das Gefühl, nochmals komplett neu zu beginnen. Es fühlte sich immer wie ein natürliches Weitergehen an.

Was machen Sie heute?

VR: Seit 25 Jahren arbeite ich selbständig und als Einzelfirma. Es ist wunderbar, Menschen intensiv dabei zu unterstützen, dass sie gute Regelungen für ihr Leben finden. Das verlangt viel Kreativität. Ich befasse mich mit Lebensentwürfen von Menschen, die vielleicht über viele Jahr gepasst haben. Nun ändern sich die Umstände und es gilt, diese Lebensentwürfe stimmig anzupassen. Es sind immer Menschen, die schon 1000 Probleme gelöst haben, aber jetzt eine externe Unterstützung benötigen. Das lehrt mich viel darüber, wie vielschichtig Leben gelebt werden können.

Als Angestellter wären Sie bereits pensioniert. Warum arbeiten Sie mit 69 Jahren immer noch?

VR: Im siebzigsten Lebensjahr müsste ich eigentlich nicht mehr arbeiten – die Realität sieht allerdings anders aus. Als Selbständigerwerbender kann man sich eine bescheidene Altersvorsorge aufbauen, mehr nicht. Erhält man die AHV Rente, ermöglicht das Zusatzeinkommen Geld für spezielle Wünsche. Es war immer meine Absicht, so lange im jetzigen Berufsfeld zu arbeiten, wie ich Freude an meiner Tätigkeit habe und meine Kunden positive Rückmeldungen zu meiner Unterstützung abgeben. Freudlos Zeit abzuzsitzen war nie mein Ding. Einer meiner Freunde hat gerade aufgehört zu arbeiten (als Notar) – er ist 80 Jahre alt. So lange einer Tätigkeit nachgehen zu können, die man liebt, ist ein Geschenk.

Wie sieht Ihr Alltag heute aus?

VR: Einen Tag in der Woche hüte ich meine Enkeltochter. Die meiste Zeit meiner Arbeitszeit verbringe ich am Computer, mit schreiben von Verträgen und Aktennotizen von Gesprächen. So kann ich mir die Zeit einteilen, wie ich es mag. Am Dienstagnachmittag habe ich jeweils 1-2 Sitzungen und am Mittwoch ist frei. Zweimal im Monat arbeite ich auch am Samstag, für Klienten, die es sich unter der Woche nicht einrichten können. Work-Life-Balance halte ich für unnötiges Geschwätz. Man hat mehr davon, wenn man Stunde für Stunde schaut, ob es stimmig ist.

Sie beschäftigen sich mit Schicksalen von Menschen. Hat sich Ihre Perspektive darauf durch Ihre Tätigkeit geändert?

VR: In meiner Betrachtungsweise kommt der Begriff “Schicksal” nicht vor. Auch in leidvollen Situationen ist es das Ziel, nach Alternativen zu suchen, um es wieder ins Positive zu drehen. Auch wenn es zwischendurch mal traurig ist, ist das nur ein Teil der Wahrheit. Ich bin überzeugt, dass Kurzzeittherapien mehr bringen als Langzeittherapien.

Würden Sie Ihr Leben heute wieder so gestalten?

VR: Rückblickend würde ich das eine oder andere vielleicht kürzer machen, weil ich heute weiss, dass es eine Sackgasse war. Ob ich die Polizeischule nochmals machen würde? Heute muss ich sagen, dass es vielleicht Gescheiteres gegeben hätte. Als Leiter der Sozialstelle hätte ich früher aufhören sollen, das ist mir heute klar. Ab 50 wurde das Leben spannender. Ich habe mich selbständig gemacht und mich scheiden lassen. Ich habe erstmals richtig hingeschaut und überlegt: Was will ich wirklich im Leben?

Wie gestalten Sie das Älterwerden?

VR: Ich versuche nicht nur von früher zu reden, sondern immer wieder an Neuem Freude zu finden. Meinen Alltag gestalte ich positiv und abwechslungsreich. Aber alt werden ist eine grosse Herausforderung, die du nur umgehen kannst, wenn du jung stirbst! Ich muss für mein Älterwerden nichts unternehmen – es kommt ganz sachte daher: Etwas weniger Aktivismus (Bergbahn anstelle auf den Berg rennen) und etwas viel mehr Grossvater sein, mehr denken, Aufmerksamkeit für Kleines, genauer hinschauen und hinhören. Und hoffentlich gelingt es mir, kein Griesgram zu werden, sondern weiterhin mein Lachen und mein Wachsein für das Leben der anderen zu bewahren.

Was ist für Sie im Alter zentral?

VR: Ich möchte nicht einer von denen sein, die sich nur noch übers Leiden und über Tabletten unterhalten und griesgrämig sind. Ich will immer noch spannende Themen haben und selbstbestimmt leben. Gerne würde ich weiterarbeiten bis 75. Ich nehme an, dass mich die jetzige Lebensgestaltung weiterhin fasziniert und mich im Alter beschäftigt. Ich habe noch jede Menge Ideen – aber Marken sammeln wird es bestimmt nicht sein (lacht).
 

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