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Die Kontrolle haben: warum jeder seine Finanzplanung selbst in die Hand nehmen muss

  • Die Regulatoren im In- und Ausland sind dabei, die Altersvorsorge in Europa zu überdenken, um dem neuen Sozialvertrag Rechnung zu tragen.
  • Länger arbeiten und mehr sparen – auf diesen beiden Eckpfeilern wird ein erfolgreiches europäisches Rentensystem beruhen.
  • Der Einzelne muss mehr Verantwortung übernehmen, um in der Lage zu sein, selbst zu bestimmen, wie sein Ruhestand aussehen wird. Der Zugang zu Informationen sowie Unterstützung und Orientierungshilfen bei schwierigen finanziellen Entscheidungen werden an Bedeutung gewinnen.

Die Rentensysteme in Europa gehören zu den besten der Welt. Auf dem gesamten Kontinent verspricht der Staat seinen Bürgern eine solide finanzielle Grundlage für das Alter. Zwar sind diese staatlich finanzierten Systeme nicht fehlerfrei, aber sie garantieren den Arbeitnehmern eine gewisse finanzielle Sicherheit beim Austritt aus dem Erwerbsleben. Die steigende Lebenserwartung von 80 Jahren und mehr der meisten Europäer, verändert den Sozialvertrag auf dem diese Systeme basieren. Der Einzelne muss für den eigenen Ruhestand mehr Verantwortung übernehmen als je zuvor.

Die globale Finanzkrise hat den Plänen der Staaten zur finanziellen Unterstützung ihrer Bürger einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Budgets stiessen an ihre Grenzen und im Rahmen der anhaltenden Sparmassnahmen wurden staatliche Leistungen erheblich gekürzt. Dauerhaft tiefe Zinsen schmälern nach wie vor den Wert langfristiger Ersparnisse – und dies zu einer Zeit, in der die Lebenserwartung so hoch ist wie noch nie in der Geschichte. Der Staat kann es sich deshalb heute nicht mehr leisten, Renten in der bisherigen Höhe zu finanzieren.

Vor diesem düsteren Hintergrund ist es einerseits notwendig und anderseits auch eine Chance, den Sozialvertrag umzuschreiben, sodass die Kontrolle über die finanzielle Zukunft bei jedem Einzelnen selbst liegt. Politiker, Arbeitgeber und Finanzwirtschaft arbeiten zurzeit gemeinsam an neuen Ansätzen für den Aufbau von Vorsorgekapital, welche dem Einzelnen die Mittel für ein längeres, selbstbestimmtes Leben an die Hand geben.

Weg vom Wildwuchs, hin zu einem fruchtbaren Feld

Im vergangenen Jahr beschrieb Gabriel Bernardino, Vorsitzender der Europäischen Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen und die betriebliche Altersversorgung (EIOPA), in einer Rede Vertretern der Vorsorgebranche das europäische Rentensystem als „undurchdringlichen Wald“.

“Die Alterung der Bevölkerung in der EU könnte zu Generationenkonflikten führen, wenn in etwa 30 Jahren die Zahl der Rentenempfänger die Zahl der aktiven Erwerbstätigen bei Weitem übersteigt.“

Gabriel Bernardino

Vorsitzender der Europäischen Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen und die betriebliche Altersversorgung (EIOPA)

„Die Jüngeren werden die Rente ihrer Grosseltern- und Elterngeneration nicht mehr finanzieren können. Das anhaltende Tiefzinsumfeld zwingt Pensionskassen zur Erhöhung der Beiträge und in einigen Fällen auch zur Absenkung des Nominalwerts der Renten.“

Bernardino warnte, die EU müsse die Bildung von Vorsorgekapital dringend überdenken, wenn die Mitgliedstaaten zu ausgeglichenen Finanzen kommen wollten, ohne die künftige wirtschaftliche Absicherung der europäischen Rentner zu opfern. Die EIOPA plane, das europäische Rentensystem zu transformieren, „vom Wildwuchs zum fruchtbaren Feld“. Dazu wolle sie insbesondere die Stärkung der Governance in den Vordergrund stellen, mehr Transparenz schaffen und die Nachhaltigkeit der beruflichen und privaten Vorsorge verbessern.

Wenn die EIOPA diese Ziele erreichen wolle, müsse sie für eine Politik sorgen, die die Menschen dazu anhalte, länger zu arbeiten und mehr zu sparen, meint Professor Axel Börsch-Supan, Direktor des Munich Center for the Economics of Ageing: „Fast alle derzeitigen Rentensysteme halten die Menschen davon ab, länger zu arbeiten. Das ist der Hauptgrund für den frühen Ruhestand.“ Es gibt in den Rentensystemen Faktoren, welche die Menschen beispielsweise daran hindern, während des Rentenbezugs weiter zu arbeiten. „Diese Fehlanreize sind wirklich gravierend. Ohne sie würden die Menschen länger arbeiten.“

Quer durch Europa werden Regierungen nun aktiv, um ebensolche Fehlanreize abzubauen. In der Schweiz etwa hat der Bundesrat vorgeschlagen, das Alter, in dem die berufliche Vorsorge in Anspruch genommen werden kann, von 58 auf 60 Jahre anzuheben. Diese Massnahme ist für Hanspeter Konrad, Direktor des Schweizerischen Pensionskassenverbands (ASIP), ein grosser Fortschritt, um die Herausforderung der steigenden Lebenserwartung zu bewältigen.

Gängige Irrtümer ausräumen

Damit Massnahmen die es dem Einzelnen erlauben, länger zu arbeiten, dann ihre erhoffte Wirkung erzielen, müsse man auch erkennen und verstehen, dass ältere Menschen im Betrieb eine positive Rolle spielen, erklärt Professor Börsch-Supan. „Über ältere Arbeitnehmer gibt es so viele Vorurteile. Etwa dass sie weniger produktiv sind oder den Anschluss an die Entwicklung verlieren. Das ist wirklich Unsinn.“ Für Börsch-Supan gibt es „keinen Beweis“ dafür, dass Arbeitnehmer im Alter weniger produktiv seien. Auch deute nichts darauf hin, dass sie häufiger krank seien oder schwere Fehler machten.

Es wird eine Weile dauern, Irrtümer über den Wert älterer Arbeitnehmer auszuräumen. Aber es gibt bereits heute Belege dafür, dass die Zahl der Erwerbstätigen zwischen 55 und 64 Jahren in Europa zunimmt: Laut Daten aus dem Melbourne Mercer Global Pension Index 2015 [1] stieg die Erwerbsquote der 55- bis 64-Jährigen in der Schweiz seit 2011 in nur vier Jahren von 70% auf 74%. In Frankreich kletterte die Quote im selben Zeitraum sogar um 6% und auch in Deutschland stieg sie weiter an.

Älteren Menschen die Möglichkeit zu geben, erwerbstätig zu bleiben, ist der Mercer-Studie zufolge „einer der positivsten Wege zur Entwicklung nachhaltiger Rentensysteme“. Eine proaktive Lösung für längeres Arbeiten erlaube dem Einzelnen, weiter Geld zu verdienen und langfristiges Sparkapital zu bilden, von diesem Kapital kürzer zehren zu müssen und auf der persönlichen Ebene produktiv und gesellschaftlich integriert zu bleiben.

Älteren Menschen die Möglichkeit zu geben, erwerbstätig zu bleiben, ist einer der positivsten Wege zur Entwicklung nachhaltiger Rentensysteme.

Eigenverantwortung braucht Beratung

Wenn die Politik eine längere Erwerbstätigkeit ermöglicht und die Arbeitgeber darauf mit entsprechenden Massnahmen reagieren, muss auch der Einzelne seinen Beitrag zum neuen Sozialvertrag leisten.

Vor allem die persönlichen Ersparnisse sind wichtig, um ein längeres, selbstbestimmtes Leben zu gewährleisten. Wenn die private Altersvorsorge immer wichtiger wird, benötigt der Einzelne beim Sparen Unterstützung. „Man braucht Informationen aus verschiedenen Quellenwie dem Internet, aber auch von professionellen Beratern“, erklärt Ivo Furrer, CEO Schweiz bei Swiss Life.

„Die Menschen müssen verstehen, was unter verschiedenen Umständen mit ihrem Renteneinkommen passieren kann, und brauchen mehr finanziellen Durchblick, als sie vielleicht früher hatten.“

Ivo Furrer

Chief Executive Officer Swiss Life  Schweiz

Abhängig von den jeweiligen Lebensumständen durchläuft der Einkommensbedarf im Ruhestand eine Entwicklung mit Höhen und Tiefen. Zunächst sorgt ein aktiver Lebensstil vielleicht für einen hohen Bedarf, der mit der Zeit aber nachlässt, um möglicherweise später aufgrund zunehmender Gesundheitskosten wieder zu steigen. Der Einzelne muss für diese Ereignisse bereits vor dem aber auch im Ruhestand planen, damit sein Einkommen flexibel genug ist, um auf erwartete, aber auch unerwartete Situationen zu reagieren.

Berater spielen eine wichtige Rolle, denn sie helfen Menschen bei schwierigen oder sogar lebensverändernden finanziellen Entscheidungen. Fraglich bleibe für ihn jedoch, wie der Laie Zugang zur Welt der Kapitalanlagen finden soll, meint Bernardino. „Um das Vertrauen der Bürger zurückzugewinnen, können wir uns nicht mehr hinter Fachchinesisch verstecken.“

Furrer stimmt dem zu und erklärt, er habe in der Kommunikation mit den Kunden schon Fortschritte gesehen. „Um für Transparenz zu sorgen müssen wir zuerst dafür sorgen, dass die Beratung leicht verständlich ist. Wir haben festgestellt, dass zum Beispiel Videos eine gute Möglichkeit sind, um mit Kunden zu kommunizieren. Sie können sich die Erfahrung dann besser vorstellen und einen Bezug zur Situation herstellen“, sagt er.

Aber auch die Finanzprodukte verändern sich, um dem neuen Umfeld Rechnung zu tragen. Wenn der Einzelne die Kontrolle über sein Renteneinkommen übernehmen solle, brauche er finanzielle Angebote, die flexibel genug sind, um sich an veränderte Lebensumstände anzupassen, so Furrer. „Wir denken laufend über die sich wandelnden Bedürfnisse der Kunden nach“.

Die Zukunft finanzieren

Politiker, Arbeitgeber, Finanzinstitute und Privatpersonen haben immer noch Mühe, mit den rasanten Veränderungen im Bereich der Altersvorsorge Schritt zu halten. Der Staat muss seine Massnahmen weiterentwickeln und anpassen, um die Basis für einen neuen Vertrag zwischen Bürgern und Staat zu legen. Arbeitgeber arrangieren sich gerade erst mit der Alterung der Erwerbstätigen und Beschäftigungsmodelle, die ältere Arbeitskräfte binden und motivieren, stecken noch in den Kinderschuhen. Auch jeder Einzelne muss seine Einstellung zum Ruhestand überdenken und erkennen, dass er länger arbeiten und sparen muss, um sich ein längeres, selbstbestimmtes Leben leisten zu können. Doch die Dinge sind in Bewegung und der Sozialvertrag wird zurzeit umgeschrieben.

„Ich bin optimistisch“, sagt Furrer. „Ich bin überzeugt, dass die Menschen den Ernst der Lage erkennen und gemeinsam eine Lösung finden wollen, die nicht nur für eine Seite funktioniert, sondern für alle Beteiligten akzeptabel ist.“

[1] Mercer (2015), Melbourne Mercer Global Pension Index, Australian Centre for Financial Studies, Melbourne. http://www.globalpensionindex.com/wp-content/uploads/Melbourne-Mercer-Global-Pension-Index-2015-Report-Web.pdf

“Ich bin überzeugt, dass die Menschen den Ernst der Lage erkennen.”
Ivo Furrer, CEO Swiss Life Schweiz