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Die «neuen Alten» kommen

  • Ein Mensch gilt heute erst wesentlich später als alt.
  • Die steigende Lebenserwartung wird primär noch negativ dargestellt, doch die öffentliche Wahrnehmung entwickelt sich. Zwar werden in politischen Diskussionen und in den Medien die Kosten des Alters noch in den Mittelpunkt gestellt, doch die Menschen sehen in einem längeren Leben auch Vorteile.
  • Durch das Bild der «jungen Alten» erkennen die Menschen, dass der Ruhestand eine neue, sinnerfüllte und glückliche Lebensphase sein kann. Diese Wahrnehmung wird auch durch Vorbilder gefördert, die sie im privaten Umfeld beobachten.

Die demografischen Trends sind klar: Die europäische Bevölkerung wird immer älter. Komplexer ist dagegen die Frage, wie die Bürger die beispiellose Zunahme der Zahl der länger lebenden Menschen wahrnehmen. In einer Umfrage der Economist Intelligence Unit (EIU) im Auftrag von Swiss Life in der Altersgruppe zwischen 35 und 65 Jahren erklären 42 % der Befragten in Deutschland, Frankreich, Österreich und der Schweiz, die steigende Lebenserwartung werde eher als ein Problem und nicht als ein Vorteil für die Gesellschaft dargestellt. Nur 30 % glauben das Gegenteil. Dass die Mehrheit angibt, die steigende Lebenserwartung werde in ihrem Land negativ gesehen, ist keine Überraschung für Professor François Höpflinger, Soziologe am Zentrum für Gerontologie der Universität Zürich: «Insgesamt konzentrieren sich die politischen Diskurse zurzeit stark auf die Kosten des Alterns und nicht auf die Chancen.»

Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Aber die Sichtweisen zum längeren Leben entwickeln sich weiter. Im Vergleich zu den anderen untersuchten Ländern empfinden die Befragten in Frankreich diese als positiver: 43 % erklären, die steigende Lebensdauer werde als Vorteil dargestellt, während 28 % das Gegenteil glauben. Hans Groth, Präsident des World Demographic and Ageing Forum in St. Gallen, stellt fest, die Franzosen stünden «dem Alter oft positiv gegenüber», glaubt aber nicht, dass ihre Einstellungen allzu weit von der europäischen Norm abweichen. «Es gibt bei diesen Einstellungen eine Art Konvergenz, wobei die Intensität von Land zu Land verschieden ist. Die Richtung ist aber überall gleich.»

42%
der Befragten in Deutschland, Frankreich, Österreich und der Schweiz erklären, die steigende Lebenserwartung werde eher als ein Problem und nicht als ein Vorteil für die Gesellschaft dargestellt.

Wenn die Einstellungen zum Altern in Bewegung sind, kann es daran liegen, dass sie sich den gängigen Wahrnehmungen angleichen. Tatsächlich glaubt Groth: «Was die Medien bringen, hat nichts damit zu tun, was die Bevölkerung denkt. Die Menschen sind viel weiter, als die Presse glaubt.» Die überwiegende Mehrheit der Teilnehmer der EIU-Umfrage sieht in der steigenden Lebensdauer durchaus auch positive Aspekte für die Gesellschaft (weniger als 2 % sehen keine grossen Vorteile). Zu den Vorteilen, die sie von der längeren Lebensdauer erwarten, zählen die Möglichkeit, tiefere, weiter reichende Familienbande zu pflegen, (53 %) und mehr Möglichkeiten, die Freizeit zu geniessen, wenn man länger lebt, nachdem man sich entschlossen hat, in Rente zu gehen (51 %). Dementsprechend freuen sich 65 % der einzeln Befragten darauf, dass sie mehr Zeit haben werden, Hobbys und Freizeitaktivitäten nachzugehen, oder sie geniessen diese Möglichkeiten jetzt schon, und 44 % sagen dasselbe über mehr Kontakt zu Freunden und Familie.

2%
Die überwiegende Mehrheit der Teilnehmer der EIU-Umfrage sieht in der steigenden Lebensdauer durchaus auch positive Aspekte für die Gesellschaft (weniger als 2 % sehen keine grossen Vorteile).

Die richtigen Fragen stellen

Verallgemeinerungen können die Sorgen der Öffentlichkeit in Bezug auf das Altern überzeichnen. Höpflinger sagt zu Diskussionen über Langlebigkeit: «Die Art, wie man die Fragen stellt, wirkt sich auf die Antworten aus. Eine abstrakte Diskussion ist generell negativer.» Doch wenn es um bekannte Personen oder Gruppen gehe, von prominenten Beispielen aktiver Senioren bis hin zu Angehörigen des Gesprächspartners, werde die Einstellung meist positiver. Daher seien gemäss den ihm bekannten Untersuchungen die Beziehungen zwischen den Generationen innerhalb der Familien in der Schweiz, Frankreich, Deutschland und Österreich heute stärker als je zuvor, erklärt Höpfliger. Die Einstellungen gegenüber anderen Generationen insgesamt hätten sich dagegen tatsächlich verschlechtert. So seien etwa mehr junge Menschen der Meinung, die Alten hätten zu viel Kontrolle über das Geld der Wirtschaft.

Dies decke sich mit anderen Untersuchungen, die tendenziell eine Divergenz der Meinungen zur Alterung der Bevölkerung zeigten. Die Bandbreite der Auffassungen reicht von Sorgen über die steigende Lebensdauer bis zu positiven Einstellungen gegenüber älteren Menschen, weil sie sozial wertvoll seien oder gute Dienste als emotionale Stütze leisteten. Eine umfassende Studie von 2008 ergab, dass «Bürger die Rolle, die ältere Menschen in der Gesellschaft spielen können, im Allgemeinen weiterhin positiv einschätzen, trotz ihrer Besorgnis über die ‹Alterung der Bevölkerung›».

Vorstellung und Wirklichkeit

Anders gesagt, scheint die Öffentlichkeit besorgt über die möglichen negativen Auswirkungen der Langlebigkeit, doch die Wirklichkeit, die die Menschen um sich herum sehen, beunruhigt sie weitaus weniger. Die Gesellschaft ringt um Anpassung, da theoretische Sorgen mit einer viel positiveren Realität kollidieren. Dies könnte sogar ein Hauptgrund für die unterschiedlichen Wahrnehmungen von Alterung und Langlebigkeit im öffentlichen Diskurs und im privaten Bereich sein. «Die öffentliche Wahrnehmung des Alterns in Deutschland wird besser», sagt Franz Müntefering, Vorsitzender der deutschen Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO). Dies geschehe «durch die eigene Erfahrung der Menschen und durch die Erfahrungen, die sie bei anderen sehen». Groth sieht eine ähnliche Dynamik auch in der Schweiz und anderen europäischen Ländern: «Eine steigende Zahl positiver Vorbilder aus der Zivilgesellschaft verändert die Wahrnehmung. Wenn man solche Beispiele kennt, wird es immer schwerer, eine negative Einstellung zu haben.»

Wer ist «alt»?

Eine Möglichkeit, diese Quadratur des Kreises aus alten Sorgen und neuen Realitäten zu schaffen, ist ein Umdenken in der Frage, wohin die sogenannten «jungen Alten» – die Altersgruppe zwischen 65 und 75 – gehören. In einem European Social Survey von 2008 bezeichneten sich die meisten Befragten in Deutschland konsequent als alt statt „im mittleren Alter“, sobald sie 69 Jahre alt waren, in Frankreich dagegen ab 72 und in der Schweiz erst ab 79. Dabei ist die Lebenserwartung seitdem weiter gestiegen.

Dahinter steht nicht nur die Eigenliebe der Alternden, sondern es widerspiegelt einen breiteren gesellschaftlichen Trend. Als Personen aller Altersgruppen in derselben Umfrage gefragt wurden, ab wann ein Mensch alt sei, lautete die häufigste Antwort in der Schweiz und in Frankreich: ab 70. In der Schweiz nannte sogar über die Hälfte (51 %) eine Zahl von 70 oder mehr oder erklärte, die Antwort hänge von der jeweiligen Person ab. In Frankreich betrug dieser Anteil 44 % und in Deutschland 38 %.

Das goldene Alter

Höpflinger bemerkt: «Mit den sogenannten ‹jungen Alten› stellt man nun fest, dass es positive Bilder vom frühen Ruhestand gibt, und die negativen Bilder konzentrieren sich immer mehr auf die Hochbetagten.» In der Schweiz wie auch in Teilen Deutschlands und Österreichs entspreche dies einer neuen Realität. Dort hätten «die ‹jungen Alten› den höchsten Anteil von Wohlhabenden aller Altersgruppen» und seien die aktivsten unter den älteren Menschen. Daher sei «ein neues Bild der jüngeren Alten, das eines goldenen Alters, sehr präsent, und jüngere Menschen erkennen wohl, dass der Ruhestand viele Möglichkeiten eröffnet.» Dieser Meinung ist auch Müntefering: «Den meisten Menschen wird jetzt bewusst, dass es nach der Pensionierung eine neue Lebensphase gibt, die gut, sinnerfüllt und glücklich sein kann. Das wird jetzt normal.»

«Ein neues Bild der jüngeren Alten, das eines goldenen Alters, ist sehr präsent, und jüngere Menschen erkennen wohl, dass der Ruhestand viele Möglichkeiten eröffnet.»

François Höpflinger

Soziologe am Zentrum für Gerontologie der Universität Zürich

In der Schweiz geht mit dieser Veränderung, wie Höpflinger beobachtet, ein Aufblühen von Projekten und Organisationen einher, die Angehörige verschiedener Generationen über gemeinsame Interessen zusammenbringen. Dazu zählten etwa Gartenarbeit, Museumsführungen oder die Zusammenarbeit an gemeinsamen Projekten. «Das ist eine echte Bewegung», betont er. Auch andere Gruppen versuchen, gängige Bilder zurechtzurücken. Die «GrossmütterRevolution» beispielsweise, eine seit 2010 bestehende, von der Genossenschaft Migros Zürich unterstützte Plattform, setzt sich dafür ein, traditionelle Wahrnehmungen älterer, ans Haus gefesselter Grossmütter durch das Bild sozial aktiver und aktivistischer Frauen zu ersetzen.

Verschiebung der Wahrnehmungen

Diese Neudefinition des Wortes «alt» ist eine bedeutende positive Wahrnehmungsänderung. Das Problem ist, dass sie vielleicht schon wieder überholt ist. Auffassungen über das Altern sind oft davon geprägt, was Menschen bei ihren älteren Angehörigen beobachten. Doch angesichts der unaufhaltsamen Verlängerung der gesunden Lebensspanne ist damit zu rechnen, dass ihr eigenes Alter letztlich ganz anderes aussieht. So ergab im Jahr 2015 eine Studie in Österreich mit mehr als 400 Personen im Alter von 80 Jahren und mehr – die niemand als jung bezeichnen würde –, dass zwar viele Befragte gebrechlich und von mehreren Krankheiten betroffen waren, sich aber unter den Befragten auch eine «relativ grosse Gruppe von Männern und Frauen mit vergleichsweise gutem Gesundheitszustand, hoher Selbständigkeit und autonomer Lebensführung» befand. Darüber hinaus standen die Ergebnisse den Verfassern der Studie zufolge im «Widerspruch zum vorherrschenden und überwiegend defizitorientierten Altersbild, d. h. zur Assoziation des hohen Alters mit Krankheit und Pflegebedürftigkeit». Die künftigen Möglichkeiten könnten diese Erwartungen sogar noch übertreffen.

Die Wahrnehmung des Alters ist demnach eindeutig in Bewegung. Sorgen wegen der steigenden Lebensdauer halten sich hartnäckig, werden aber durch die Erfahrung mit dem Leben in einer alternden Gesellschaft langsam überwunden. In gewisser Weise gelten die Jahre unmittelbar nach der Pensionierung, einst gefürchtet als Abstellgleis, mittlerweile immer mehr als goldenes Alter.

79
In einem European Social Survey von 2008 bezeichneten sich die meisten Befragten in Deutschland konsequent als alt statt „im mittleren Alter“, sobald sie 69 Jahre alt waren, in Frankreich dagegen ab 72 und in der Schweiz erst ab 79.

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