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«Uns allen war bewusst, dass wir da etwas ganz Besonderes erlebt hatten»

Worauf kommt es im Leben an? Der junge Schweizer Regisseur Elias Ressegatti hat diese Frage Menschen zwischen 3 und 103 gestellt. Sein Kurzfilm zeigt ihre Antworten aus dem Spannungsfeld zwischen Haben und Sein.

Elias, du bist 35. Für diesen Film hast du dich mit dem Älterwerden und den damit verbundenen Wünschen und Vorstellungen auseinandergesetzt. Fühlst du dich deinem Alter entsprechend?

Eigentlich habe ich mich nie meinem Alter entsprechend gefühlt. Durch dieses Projekt habe ich aber gemerkt, wie universell die Themen sind, egal wie alt du bist. Als Kind siehst du die Erwachsenen und denkst, irgendwann bin ich erwachsen, und dann macht es klick! und alles ist anders. Dann wirst du erwachsen und bist ein wenig enttäuscht, weil du merkst, dass du dich immer noch gleich wie vorher fühlst, ausser dass du jetzt viel mehr Rechte und Pflichten hast. Ich glaube, es gibt selten einen Punkt, wo wir im Gleichgewicht sind und das Gefühl haben, die Wahrheit des Lebens erkannt zu haben.

Also gibt es gar nie einen Zeitpunkt, in dem wir uns dem Alter entsprechend fühlen?

Ich glaube vielmehr, dass wir die vorgefertigten Ideen darüber, wie wir sein werden, wenn wir älter sind, über den Haufen werfen müssen. 

Die Jüngsten im Film sind Kinder ab drei Jahren. Wie war die Arbeit mit ihnen?

Als ich das erste Mal mit Kindern gedreht habe, hat mir ein erfahrener Regisseur geraten, keine Probeläufe zu machen, sondern einfach draufzuhalten, um so schnell wie möglich alles im Kasten zu haben. Wir haben vor der Kamera zusammen herumgeblödelt, bis die Kinder die Kamera vergassen oder die Angst davor ablegten. Kinder ermüden schnell und verweigern sich dann. Sie werden sich auch schnell der Macht bewusst, die sie im Studio haben. Sie merken, wenn sie sich unmöglich verhalten, steht alles still – und es gibt Schokolade.

Wie habt ihr Leute gefunden, die mitmachen wollen?

Wir haben dafür einen sogenannten Hunter beauftragt, einen Mann für anspruchsvolle Castings. Der Drehort war Zürich, als Protagonisten brauchten wir aber nicht nur Schweizer, sondern auch Deutsche und Franzosen, die altersmässig circa 100 Jahre abdecken. Ausserdem sollten die Geschlechter und verschiedene soziokulturelle Hintergründe ausgewogen repräsentiert sein. Interessanterweise haben gerade die Schweizer nicht dem gängigen Klischee entsprochen, sich nicht exponieren zu wollen. Wenn die Leute gemerkt haben, dass wir sie ernstnehmen, erzählten sie gerne von sich. Das scheint ein menschliches Urbedürfnis zu sein.

«Der Drehort war Zürich, als Protagonisten brauchten wir aber nicht nur Schweizer, sondern auch Deutsche und Franzosen, die altersmässig circa 100 Jahre abdecken.»

Wie reagieren die Menschen, wenn sie die grossen Fragen des Lebens beantworten sollen?

Generell fühlen sie sich anfangs überfordert, aber dann präsentieren sie oft sehr klare Ideen oder Pläne. Die Vorinterviews, die ich mit den Leuten geführt hatte, haben geholfen. Wir hatten schon einen Bezug zueinander. Im Studio habe ich pro Tag zwölf Interviews zu rund einer Dreiviertelstunde geführt – das geht stark an die Substanz, auch emotional. Für jedes Interview musst du ja frisch sein. Schwierige Situationen in einem Gespräch sollen sich nicht auf die folgenden auswirken.

Dein Grossvater Angelo macht auch mit. War von Anfang an klar, dass er im Film dabei ist?

Nein. Aber es ist nicht ganz einfach, ältere Leute zu finden, die Lust haben, vor einer Kamera zu sprechen, und das auch können. Mein Grossvater war schon immer ein toller Erzähler. Er hat zugesagt und gemeint, dann komme er sofort nach Zürich, er habe ja das GA. Und so hat er einmal gesehen, was ich beruflich mache. Ich habe den Film meiner Familie an Weihnachten gezeigt. Mein Grossvater hat sich sehr gut vertreten gefühlt. Das ist mir wichtig bei meiner Arbeit – ich möchte die Leute nicht vor den Kopf stossen.

Welche Protagonisten aus dem Film haben bei dir einen besonders prägenden Eindruck hinterlassen?

Die 90-jährige Klara zum Beispiel. Wenn du sie zum ersten Mal siehst, denkst du: Mauerblümchen. Aber der Charme, den sie nur schon mit einem einzigen Blick versprüht – da geht mir das Herz auf. Auch die Geschichte von Fritz und Marion war sehr berührend. Die beiden haben wirklich viel durchgemacht im Leben. Aber jetzt sind sie gemeinsam auf einem guten Weg. Und das Gespräch mit Wolfgang, ein magischer Moment. Nach diesem Interview war es ganz still im Team. Uns allen war bewusst, dass wir da etwas ganz Besonderes erlebt hatten.

Wie hat die Arbeit am Film dich sonst beeinflusst?

Derzeit ist Wahlkampf in Amerika und was da so läuft – wie die Leute manipuliert werden und sich manipulieren lassen –, kann einen sehr zynisch machen. Dieses Projekt hat mich wieder daran erinnert, wie differenziert, vielfältig und komplex jedes einzelne Menschenleben ist. Meine Liebe zum Mitmenschen ist stärker geworden.

Du lebst in New York. Selbstbestimmtes Leben ist ein grosses Thema in den USA. Hätte dir ein Amerikaner im Studio etwas anderes geantwortet als ein Europäer?

Die ersten 20 Minuten sicher. Der Grundton wäre positiver. Es wäre die Rede davon, dass man sein Ding durchziehen müsse, sein Leben selbst in die Hand nehmen. Aber ich glaube, dass die Themen, die wir im Film ansprechen, sehr universell sind. Wenn man lange genug mit den Leuten spricht, stösst man auch in den USA auf eine differenzierte Ebene.

«Dieses Projekt hat mich wieder daran erinnert, wie differenziert, vielfältig und komplex jedes einzelne Menschenleben ist.»

Gibt es für dich eine erkennbare Altersgrenze zwischen Haben-Wollen und Sein-Wollen und der Zufriedenheit, mit dem, was man hat und ist?

Bis etwa 14 dominieren die Träume vom Fussballprofi und der Schauspielerin. Mit 15 schlägt die Realität zu – Lehre suchen, sich für etwas entscheiden, nicht das bekommen, was man geplant hat, sich umorientieren. Diejenigen, die das Gymnasium besuchen, sind vielleicht idealistisch, wollen die Welt retten oder einfach unheimlich viel Geld verdienen. Dann kommt ab 20 die Karriereschlaufe. Mitte 30 die Familie, die Work-Life-Balance. Ab 40 gibt es wieder mehr Raum für Idealismus, der Platz in der Gesellschaft ist gefunden. Man überlegt sich, was wichtig ist: Familie, Liebe, Gesundheit, der Zustand der Welt. Später dann kommt die Lust, sich selber noch zu verwirklichen. Ab den frühen Siebzigern geht es um den Tod. Um Gesundheit und Mobilität. Auch mein Grossvater ist bis 89 Auto gefahren. Als er sich selbst als Risiko eingestuft hat, gab er den Fahrausweis ab und kaufte ein GA. Die Selbstbestimmung, noch im eigenen Haus wohnen zu können, ist für die meisten total wichtig.

Elias, gehen wir zurück zum Anfang, ins Filmstudio. Du interviewst dich selbst. Welche Antworten hast du als 35-Jähriger auf deine Fragen?

(lacht) Ich wäre ein schlechter Interviewpartner zu diesem Thema. Wir haben bewusst Leute gesucht, die Pläne haben, die konkrete Lebensentwürfe gemacht und sie verfolgt haben. Ich habe nie geplant, oder mir etwa vorgenommen, mit 20 dies zu machen, mit 30 jenes. Je älter ich werde, desto weniger denke ich, dass ich das tun sollte.

Aber Wünsche haben wir alle, auch wenn wir nichts planen.

Natürlich. Meine Wünsche haben mit meinen derzeitigen Lebensumständen zu tun. Ich möchte nicht mehr in New York leben. Wir ziehen bald um. Die Stadt tut mir nicht gut, ich brauchte lange, um mir das einzugestehen. Aber jetzt ist der Gedanke befreiend. Ich will in der Nähe des Meeres wohnen. Sonst habe ich recht universelle Wünsche: Ich möchte gut sein in dem, was ich mache; ich wünsche mir die Anerkennung der Branche und eine gewisse finanzielle Stabilität. Und ich möchte mit meiner Frau alt werden.

Interview: Ruth Hafen

Biografie

Elias Ressegatti, 35, hat seinen Beruf von der Pike auf gelernt und sich vom Produktionsassistenten zum Regisseur hochgearbeitet. Bereits seine erste eigene Regiearbeit, ein Spot für das Filmfestival Locarno, gewann 2008 Gold bei den Swiss Commercial Awards. Sein Spot «Boxer» für Swiss Life wurde 2010 am WorldMediaFestival in Hamburg ebenfalls mit Gold prämiert, weitere Awards folgten sowohl in Europa als auch in den USA. Seine Arbeiten zeichnen sich oft durch einen feinen Sinn für Humor aus. Elias lebt mit seiner Frau in New York, wo er von einem Haus am Meer träumt.

Bild: Marc Raymond Wilkins