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Sichtweisen zum längeren, selbstbestimmten Leben

  • Europa erlebt eine Langlebigkeitsrevolution. In der Schweiz, Frankreich, Deutschland, und Österreich ist jeder fünfte Bürger über 65 Jahre alt. Bis 2030 wird es jeder vierte sein.
  • Die Economist Intelligence Unit (EIU) hat im Auftrag von Swiss Life über 1.200 Bewohnerinnen und Bewohner aus Deutschland, Frankreich, Österreich und der Schweiz zu diesem Thema befragt. Die Umfrage zeigt, dass der Anstieg der Lebenserwartung oft negativ eingeschätzt wird, obwohl diese dem Einzelnen wie auch der Gesellschaft zahlreiche Vorteile bietet.
  • Weite Teile Europas sind für die Herausforderungen einer alternden Bevölkerung schlecht gerüstet. Die Umfrage zeigt weiter, dass die grosse Mehrheit der Menschen, die ins Rentenalter kommen, nicht anstrebt, über das Pensionsalter hinaus im Beruf zu bleiben.
  • Um die Möglichkeiten auszuschöpfen, die eine längere Lebensdauer bietet, schätzen die Befragten vor allem die individuelle Autonomie und enge soziale Bindungen als wichtig ein.
  • Bei der Frage, über welche Aspekte des Lebens sie im Ruhestand genügend Kontrolle haben möchten, stehen Bildung und Informationszugang für die Senioren in der Schweiz stärker im Vordergrund als für ihre Altersgenossen in Deutschland, Österreich oder Frankreich.
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Die deutlich gestiegene Lebenserwartung der Europäer eröffnet Chancen, ist aber auch mit Herausforderungen verbunden. Die Economist Intelligence Unit hat im Auftrag von Swiss Life über 1.200 Bewohnerinnen und Bewohner aus Deutschland, Frankreich, Österreich und der Schweiz zu diesem Thema befragt. Die Umfrage hat gezeigt, dass der Anstieg der Lebenserwartung oft negativ eingeschätzt wird, obwohl sie dem Einzelnen wie auch der Gesellschaft zahlreiche Vorteile bietet.

Gründe zur Besorgnis

Viele Befragte glauben, dass ihr Land für die Herausforderungen einer alternden Bevölkerung schlecht gerüstet ist. Eine älter werdende Bevölkerung führt zwangsläufig zu Veränderungen der gesellschaftlichen Bedürfnisse. Die Umfrage zeigt, dass ein signifikanter Anteil der Befragten besorgt ist, dass ihr Land für diese Herausforderungen nicht vorbereitet sei. 29% meinen, sogar grundlegende Einstellungen älteren Menschen gegenüber müssten sich ändern. Die am häufigsten genannten Probleme betreffen jedoch Bereiche, in denen der Staat eine beherrschende Rolle spielt: 47% der Befragten in Deutschland, Frankreich, Österreich und der Schweiz geben an, ihr Land sei für den Druck auf das Gesundheitswesen, den eine alternde Bevölkerung mit sich bringt, schlecht gerüstet. 48% sagen dasselbe über die sozialen Einrichtungen, und ganze 50% gehen davon aus, der Staat sei nicht auf die höheren Rentenkosten vorbereitet. Vielen dieser Bedenken könnte jedoch besser entgegengewirkt werden, wenn die Senioren dabei unterstützt würden, gesünder zu leben und länger zu arbeiten. 

Langlebigkeit: Problem oder Chance?

Trotz zahlreicher persönlicher und gesellschaftlicher Vorteile wird der Anstieg der Lebenserwartung in der Schweiz, Deutschland und Österreich, in den meisten Fällen als Problem dargestellt und nicht als Chance. In der Umfrage tendieren die Befragten insgesamt eher zu der Aussage, der Anstieg der Lebenserwartung werde in ihrem Land nicht positiv gesehen, sondern negativ: 42% geben an, er werde entweder als grosses Problem für die Gesellschaft dargestellt oder eher als Problem und weniger als Vorteil; nur 31% sehen es andersherum. Allerdings verschleiern diese Durchschnittszahlen die bedeutenden nationalen Unterschiede. In Frankreich erklärt die Mehrheit (43%) der Befragten, der Anstieg der Lebenserwartung werde generell als Vorteil für die Gesellschaft oder eher als Vorteil und weniger als Problem dargestellt, während nur 28% erklären, der Anstieg werde negativ gesehen. In den anderen drei Ländern verhält es sich umgekehrt. Dort geben durchschnittlich 23% an, die Entwicklung werde positiv dargestellt, und 51% empfinden die Darstellung als negativ.

Die Bedeutung der Unabhängigkeit

Die Menschen legen grössten Wert darauf, im Alter unabhängig und selbstbestimmt zu leben. Zur Frage der Autonomie angesichts der steigenden Lebenserwartung gibt die überwältigende Mehrheit der Befragten an, der Erhalt der Unabhängigkeit sei für sie persönlich äusserst (73%) oder sehr (18%) wichtig. Grosse Einigkeit besteht auch bei den wichtigsten Voraussetzungen für diese Unabhängigkeit: 78% nennen körperliche Gesundheit als eine der drei Voraussetzungen für die Kontrolle über das gewünschte Leben. Geistige Gesundheit folgt mit 73%. Erst an dritter Stelle werden ausreichende wirtschaftliche Mittel genannt. Dabei legen die jüngeren Befragten mehr Wert auf Geld (58%) als die bereits über 65-Jährigen (47%). Dies könnte daran liegen, dass die Jüngeren noch Teile ihres Einkommens für die private Vorsorge und sonstige Sparziele beiseite legen.

Die Art und Weise, wie Menschen ihre späteren Jahre verbringen oder verbringen möchten, widerspiegelt sich auch in ihrem Wunsch, unabhängig zu leben. Auf die Frage, was ihnen an diesen Jahren am besten gefällt oder worauf sie sich am meisten freuen, nennen 65% die Möglichkeit, ihren Hobbys nachzugehen, 58% führen die grössere Unabhängigkeit an («mehr Kontrolle über die eigene Zeit»), und 58% entscheiden sich für die Möglichkeit zu reisen. Hierbei geht es nicht nur um den Einzelnen: Eine Mehrheit (51%) nennt grössere Freizeitmöglichkeiten als einen der wichtigsten Vorteile der höheren Lebenserwartung für die Gesellschaft insgesamt.

Soziale Bindungen sind entscheidend

Unabhängigkeit bedeutet nicht Isolation: Soziale Bindungen spielen in den Vorstellungen über das Alter eine wichtige Rolle. Wenn sie älter werden, möchten die Befragten die Kontrolle darüber behalten, wie sie leben. Viele weisen aber auch darauf hin, welche Vorteile sich aus dem Anstieg der Lebenserwartung für den Einzelnen und die Gesellschaft ergeben. Insbesondere glauben 53% der Befragten, dass tiefere, weiter reichende Familienbande dadurch entstehen, dass mehr Generationen gleichzeitig am Leben sind und deren Leben sich über einen längeren Zeitraum überschneiden. Dies wird sogar als wichtigster Vorteil der gestiegenen Lebenserwartung für die Gesellschaft genannt. Der am dritthäufigsten genannte Vorteil für die Gesellschaft ist die Stärkung der Zivilgesellschaft aufgrund des Umstands, dass sich ältere Menschen eher ehrenamtlich und politisch engagieren (46%). Besonders ausgeprägt sind diese Auffassungen in Frankreich, wo 60% festere Familienbande und 50% die Stärkung der Zivilgesellschaft als wichtigsten gesellschaftlichen Vorteil der steigenden Lebenserwartung sehen.

Diese positive Einstellung zu sozialen Bindungen zeigt sich auch in den Antworten der Befragten auf Fragen zum eigenen Leben. So sehen etwa nur 20% in der Möglichkeit, Entscheidungen unabhängig von den Präferenzen anderer, insbesondere von Familienmitgliedern, zu treffen, eine wichtige Voraussetzung für die eigene Unabhängigkeit. Tatsächlich sind für ein selbstbestimmtes Leben Autonomie und soziale Bindungen miteinander verflochten und keine entgegengesetzten Ziele. 44% der Befragten nennen denn auch die Möglichkeit, mehr Kontakt zu Familie und Freunden zu haben, als einen der wichtigsten persönlichen Vorteile eines längeren Lebens, während für 37% die bewusste Pflege enger Beziehungen eine Möglichkeit ist, in späteren Jahren nach eigenen Vorstellungen zu leben. Dies ist die häufigste Strategie zur Erreichung dieses Ziels nach einer gesunden Lebensweise (74%) und dem Anlegen von Kapital (45%).

Schweizer Ausnahmen

Zwischen der Schweiz und den anderen Ländern zeigen sich interessante Unterschiede. Gefragt nach den Bereichen ihres Lebens, die sie selbst kontrollieren wollen, um in späteren Jahren ein erfülltes Leben führen zu können, nennen die Schweizer Befragten vor allem die geistige und körperliche Gesundheit und die wirtschaftlichen Mittel. Soweit äussern sie sich ähnlich wie ihre Altersgenossen in den Nachbarländern. Doch sie legen deutlich weniger Wert auf diese Bereiche als die Befragten in Deutschland, Frankreich und Österreich, denn ihr Schwerpunkt hat sich mehr in Richtung Bildung und Informationszugang verschoben. Ganz besonders gilt dies für Befragte, die bereits über 65 Jahre alt sind. Angesichts des höheren BIP pro Kopf und des geringeren Vorkommens chronischer Erkrankungen in der Schweiz ist es möglich, dass viele Befragte sich zu Lasten der körperlichen und finanziellen Sicherheit verstärkt Zielen zuwenden, bei denen es um Selbstverwirklichung geht. Doch eine gesicherte Lebensqualität hat auch ihren Preis: Die Kehrseite der vergleichsweise hohen Einkommen in der Schweiz sind die hohen Lebenshaltungskosten. Dies zeigt sich beim Wohnraum: Schweizer Befragte äussern deutlich mehr Sorgen über den Zugang zu Wohnraum als ihre Altersgenossen in den drei anderen untersuchten Ländern (24% vs. 13%).

Leben, um zu arbeiten?

Erwerbstätigkeit über das traditionelle Rentenalter hinaus kommt nur für eine Minderheit in Frage. Nur eine Minderheit der Befragten über 65 Jahren in Deutschland, Frankreich, Österreich und der Schweiz ist zurzeit erwerbstätig: Selbst in der Altersgruppe von 65 bis 69 variiert die Erwerbsquote zwischen 5,9% in Frankreich und 22,4% in der Schweiz. Die Umfrageergebnisse zeigen auch, dass die Mehrheit der Bevölkerung in diesen vier Ländern sich kaum dafür entscheiden wird, weiter zu arbeiten, wenn es sich vermeiden lässt. Von den Befragten, die bereits 65 Jahre alt oder älter sind, geben 55% an, dass sie spätestens mit dem traditionellen Renteneintrittsalter aufhören wollten zu arbeiten. Bei den jüngeren Befragten sagten dies 67%.

Von den Befragten, die zurzeit unter 65 sind, wollen nur 4% im Ruhestand beruflich etwas Neues anfangen, aber 16% geben an, dass sie über das traditionelle Renteneintrittsalter hinaus im bisherigen Beruf weiterarbeiten möchten. Weitere 13% würden ihren Beruf weiter ausüben, wenn sie ihre Stundenzahl reduzieren könnten. Insgesamt könnte ein Drittel dafür gewonnen werden, erwerbstätig zu bleiben, wenn die Bedingungen stimmen –also weit mehr als bisher. Bei jenen, die bereits über 65 sind, steigt dieser Anteil auf 45%. Möglicherweise schliessen sich die Jüngeren auch der Auffassung der Älteren an, wenn der Ruhestand näher rückt. Politiker, welche die Erwerbsquote der älteren Bevölkerung erhöhen wollen, haben es also mit einer beträchtlichen Zahl von Personen zu tun, die bisher aus der Arbeitswelt herausfallen, aber mit den richtigen Bedingungen oder Anreizen dazu gebracht werden könnten, länger zu arbeiten.

Als Arbeitskraft nicht genügend gewürdigt

Die momentan herrschende Einstellung könnte einen Wandel schwierig machen, denn offenbar sehen Arbeitgeber in älteren Beschäftigten keine wertvollen Arbeitskräfte, die es zu halten gilt. In Europa wird zwar intensiv über das Renteneintrittsalter diskutiert, doch die EIU-Umfrage deutet darauf hin, dass die aktuellen Voraussetzungen und Bedingungen nicht für ein verlängertes Berufsleben sprechen. Nur 27% der Befragten geben an, dass an ihrem aktuellen – bzw. bei Arbeitslosen und Rentnern an ihrem letzten – Arbeitsplatz alle Hierarchiestufen des Unternehmens die Erfahrungen älterer Arbeitskräfte respektieren. Für 22% geht die Situation weit über mangelnden Respekt hinaus: Den Älteren werde nicht genügend Einfluss eingeräumt. Da diese Zahlen bei den jüngeren Befragten (die meist noch berufstätig sind) und den älteren (meist im Ruhestand) fast identisch sind, hat sich die Einstellung der Arbeitgeber auch in letzter Zeit offenbar nicht gebessert.

Es überrascht deshalb nicht, dass eine Arbeitsumgebung, in der sich ältere Arbeitnehmer entfalten können und wohlfühlen, offenbar eine Seltenheit ist: Nur 10% der Befragten geben an, ihr aktueller bzw. ihr letzter Arbeitgeber verfüge über wirksame Richtlinien, um das Potenzial dieser Mitarbeiter optimal auszuschöpfen. Bei weitaus mehr besteht der Eindruck, dass gezielt gegen ältere Arbeitnehmer vorgegangen wird: 36% – in Österreich und in der Schweiz sogar bis zu 44% – geben an, von einem Arbeitsplatzabbau in ihrem Unternehmen seien speziell ältere Arbeitnehmer betroffen, und 35% – in Frankreich sogar 44% – erklären, ältere Mitarbeitende würden in den Ruhestand abgedrängt.

Wer trägt die Kosten?

Bei der Frage, wer die Rechnung für die steigenden Rentenkosten übernehmen sollte, liegen die Auffassungen in den einzelnen Ländern weit auseinander. Renten und Einrichtungen für ältere Menschen kosten Geld. Auf die Frage, wer angesichts der steigenden Lebenserwartung primär für die Rentenkosten verantwortlich sein solle, waren die Befragten je nach Land unterschiedlicher Auffassung. In Österreich und Deutschland wurde am häufigsten der Staat genannt (85% bzw. 76%), erst mit erheblichem Abstand folgt jeweils der Einzelne (47% bzw. 45%). In Frankreich und der Schweiz dagegen wurde eher der einzelne Rentner als verantwortlich betrachtet (61% bzw. 63%), auch wenn in beiden Ländern fast ebenso viele den Staat nannten (59% bzw. 61%), was darauf hindeutet, dass die Menschen von einer Gemeinschaftslast ausgehen. Die europäischen Gesellschaften müssen einen ausgewogenen Dialog darüber eröffnen, welche Verantwortlichkeiten und Möglichkeiten die längere Lebenserwartung mit sich bringt. Nur so können sie die Herausforderungen bewältigen und die Vorteile nutzen.

Über die Umfrage

Die Umfrage wurde im Dezember 2015 und im Januar 2016 durchgeführt. Befragt wurden 1265 Personen in Deutschland (39% der Gesamtzahl), Frankreich (36%), Österreich (16%) und der Schweiz (9%). Die Gruppe bestand zu etwa gleichen Teilen aus Personen zwischen 35 und 65 (52%) und über 65-Jährigen (48%) sowie aus Männern (53%) und Frauen (47%). Zudem gehörte die Gruppe weitgehend zur Mitte des ökonomischen Spektrums: 68% der Befragten fielen nach eigener Einschätzung zwischen das 25. und das 75. Einkommensperzentil des betreffenden Landes.

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