Er bestreitet mit der Schweiz die dritte Weltmeisterschaft: Fussballprofi Gelson Fernandes spielte in sechs Ländern, spricht sieben Sprachen, aber steht dennoch mit beiden Füssen auf dem Boden. Ein Gespräch über den sozialen Aufstieg und die Selbstbestimmung im Fussballgeschäft.

"Gelson Fernandes, Sohn eines Immigranten, der ohne Papiere nach Europa ging und ein besseres Leben suchte". So signierten Sie einen Facebook-Eintrag während der Flüchtlingskrise. Sie haben dank dem Fussball das bessere Leben gefunden. Was braucht es, um sich durchzusetzen?
Die entscheidende Frage ist: Bin ich bereit, wirklich hart für meinen Traum zu arbeiten? Viele Talente gehen spät ins Bett, essen ungesund und wenn der Trainer ihnen etwas vermittelt, nicken sie, ohne zuzuhören. Du musst alles dafür tun, um die Chancen auf deine Seite zu ziehen.

Wann haben Sie das realisiert?
Mit 15 oder 16, als ich mit einer Meniskusverletzung in einem Berner Spital lag. Damals entschied ich: Jetzt gebe ich Vollgas und werde Profi. Man muss an sich glauben. Und man muss dabei realistisch sein. Ich wusste, dass ich nicht die Qualitäten habe, wie sie ein Messi seit Jahren ausspielt. Aber ich spürte, dass ich genug mitbringe, um es als Mittelfeldspieler zu schaffen.

Der Weg nach oben ist steinig. Im Gegensatz zu anderen Talenten, die völlig abheben, blieben Sie immer auf dem Boden.

Das Problem ist, dass heute talentierte Spieler schon sehr jung hochdotierte Verträge erhalten. Sie sind fast noch Kinder und verfügen über Nacht plötzlich über sehr viel Geld. Sie kaufen ein dickes Auto, machen exklusive Ferien, sind bei Frauen beliebt. Da ist es auch nachvollziehbar, wenn einige die Bodenhaftung und den Biss verlieren.

Wie liesse sich das verhindern?
Ich sehe keine strukturelle Lösung. Die Klubs müssen dieses Spiel mitspielen, sonst verlieren sie die Talente. Die Verantwortung liegt also bei uns Spielern. Wir müssen den Fokus behalten. Uns mit den richtigen Menschen umgeben. Demütig bleiben. Meine Herkunft hat mir geholfen, die Füsse immer schön am Boden zu behalten.

Wie wuchsen Sie auf?
Die ersten fünf Lebensjahre lebte ich bei meiner Grossmutter auf den Kapverden. Wir hatten kein Wasser, keinen Strom. Unser Bolzplatz war ein Betonfeld mit einem an die Mauer gemalten Tor. Dann folgte ich meinen Eltern in die Schweiz. Mein Vater bewachte zuerst in der Militärkaserne die Kühe. Dann verlegte er Böden und war Schlosser, schliesslich wurde er Platzwart beim FC Sion. Und meine Mutter stand jeweils früh auf, um putzen zu gehen. Ich habe gelernt: Der Mensch ist wichtig, nicht sein Kontostand.

Liessen Sie Ihre langjährige Freundin deshalb monatelang im Glauben, Sie seien Student?
Ja. Sie sollte sich für den Menschen, nicht für den Fussballer interessieren.

Den Fussballstars wird jeder Wunsch von den Lippen gelesen und das Leben ist durchstrukturiert. Ist da Selbstbestimmung überhaupt noch möglich?
Ich denke schon. Aber dazu musst du dich gut abgrenzen, in dich hinein hören und immer fragen: Was ist wirklich das Beste für mich? Besonders, wenn es um Vereinswechsel geht. So entschied ich mich letztes Jahr für Eintracht Frankfurt, obwohl es lukrativere Angebote aus Saudi-Arabien und China gab. Selbstbestimmung bedeutet manchmal eben auch, auf Geld zu verzichten.

Inwiefern lässt sich eine erfolgreiche Karriere planen?
Wenn wir ehrlich sind, ist Karriereplanung reine Theorie. Es gibt einfach zu viele Dinge, die nicht kontrollierbar sind. Ein Jahr nach meinem Transfer von Sion zu Manchester City kaufte ein Scheich den Verein und investierte Millionen in neue Spieler. Damit war meine Zeit dort vorbei. Ich wechselte nach Frankreich zu St. Etienne, doch nach ein paar Monaten wurde der Trainer entlassen und sein Nachfolger wollte nichts von mir wissen. In solchen Momenten ist man sehr allein. Wer sich davon nicht entmutigen lässt, kann es schaffen. Erfolg ist eher eine Frage des Willens und Glücks denn der Planung.

Als Fussballer hat man im besten Fall 10 bis 15 Jahre Zeit, gutes Geld zu verdienen. Ist man sich dessen bewusst?
Mir war immer klar, dass ich was auf die Seite legen muss, um später keine finanziellen Probleme zu haben.

Wann haben Sie erstmals an die Altersvorsorge gedacht?
Früh. Als ich mit 21 nach England ging, begann ich zu sparen und zu investieren. Ich kümmerte mich immer selbst darum, weil ich genau wissen wollte, wohin mein Geld geht. Es ist wichtig, für das Leben nach dem Fussball clever vorzusorgen, das sage ich auch den jungen Spielern. Ob sie auf mich hören? Keine Ahnung.

Sie sind der Prototyp des polyglotten Menschen. Sie haben in sechs Ländern gespielt und als erster Spieler in den vier Topligen von England, Deutschland, Frankreich und Italien zumindest ein Tor erzielt. Bemerkenswert ist auch: Sie haben überall die Sprache gelernt. Warum?
Weil ich am Leben teilnehmen will. Ich will die Menschen verstehen, meine Mitspieler, die Fans, die Menschen in der Stadt. Integration ist sehr wichtig für mich. Und ohne Sprache keine Integration.

Die "Frankfurter Rundschau" bezeichnete Sie einmal als "Kümmerer", als einer, der sich fürs Team einsetzt. So haben Sie vor der WM 2014 einen handgeschriebenen Brief an alle Nationalspieler verfasst. Wieso haben Sie das gemacht?
Weil ich gespürt habe, dass die Stimmung zwar gut war, aber dass manches zu locker genommen wurde. Ich hatte das Gefühl, etwas tun zu müssen. Ich wollte das Team wachrütteln und motivieren. Vielleicht hätte ich in meiner Karriere manchmal etwas mehr für mich schauen sollen. Aber so bin ich nun mal. Und ich bin stolz darauf.

Ein weiterer Rekord ist jener des europäischen Grätschenkönigs. 2015 grätschten Sie 125mal und die "Gazzetta dello Sport" kürte Sie zum "Piede di ferro" - zum Eisenfuss. Habe Sie keine Angst, einen Gegenspieler zu verletzen?
Nein. Mein Job ist es, dem Gegner das Leben möglichst schwer zu machen. Aber ich passe beim Grätschen gut auf und gehe immer nur auf den Ball. Es gab Trainer, die mir das abgewöhnen wollten, aber das hat keiner geschafft.

Sie nehmen bereits zum dritten Mal an einer WM teil. Was zeichnet das aktuelle Team besonders aus?
Wir sind breiter aufgestellt als früher und haben mehr Qualität in der Offensive. Wir haben junge, hungrige Spieler mit viel Potenzial. Wenn wir alle zusammen unser Potenzial abrufen können, liegt bei der WM einiges für uns drin. 

Swiss Life ist seit 2004 Vorsorgepartnerin des Schweizerischen Fussballverbandes.

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Zur Person Gelson Fernandes

Gelson Fernandes (31) stammt von den Kapverdischen Inseln und wuchs in der Schweiz auf. Er steht bei Eintracht Frankfurt unter Vertrag und war in seiner Karriere bereits in sechs Ländern aktiv. Er spielte in der Schweiz (FC Sion), in England (Manchester City, Leicester), Italien (Chievo Verona, Udinese), Portugal (Sporting Lissabon), Frankreich (St. Etienne, Stade Rennes) und Deutschland (SC Freiburg). Fernandes ist seit 2007 Schweizer Nationalspieler und erzielte bei der WM 2010 den Siegestreffer gegen den nachmaligen Weltmeister Spanien. Er spricht sieben Sprachen fliessend (kreolisch, französisch, portugiesisch, deutsch, italienisch, spanisch, englisch) und ist Vater einer Tochter.

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