Der renommierte Psychologe Allan Guggenbühl tut sich auch mit 69 Jahren schwer damit, entspannt den Ruhestand zu geniessen. Weil immer neue Themen kommen, die ihn faszinieren. Und ihm Antrieb geben, weiterzumachen.

Wie viel Allan Guggenbühl auch vier Jahre nach dem ordentlichen Pensionsalter noch arbeitet, merkt man nur schon daran, dass auch während des Interviews noch jemand in der Praxis aufkreuzt, woraufhin sich der Psychotherapeut mit einem «Ach stimmt, das war ja auch noch» für zehn Minuten entschuldigt. Die konkrete Frage, wie viel er denn arbeite, findet er seltsam: «Ich denke nicht in Prozenten. Wahrscheinlich 150 Prozent oder so? Ich mache einfach die Sachen, die ich mache.» Und das sind auch nach Abgabe seiner Professur an der pädagogischen Hochschule und der Leitung der Abteilung für Gruppentherapie für Kinder und Jugendliche bei der Berner Erziehungsberatung noch so einige. Neben der therapeutischen Arbeit in der Praxis betreut er ein Projekt in Georgien zur Therapiehilfe für Flüchtlingskinder, dann ist da noch ein Ausbildungsprojekt in China, ausserdem hat er ja noch das Unternehmen, das seine weltweit praktizierte Mythodrama-Methode betreut … Man merkt, dass die Aufzählung bei Weitem nicht vollständig ist. «Wenn man mich diagnostizieren würde, hätte ich wohl ADHS oder eine hypomanische Störung oder so», stellt Guggenbühl trocken fest.

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Herr Guggenbühl, was haben Sie gegen den Ruhestand?
Ich habe nichts gegen den Ruhestand. Im Gegenteil: Ich finde den Ruhestand etwas Schönes und Wichtiges, ich sehe bei vielen meiner Kollegen, dass sie ihn entspannt geniessen. Es ist mir eigentlich nicht ganz klar, warum mir das nicht gelingt.

Lieben Sie denn Ihre Arbeit so sehr?
Es geht eher darum, dass so eine Energie kommt, wenn ein Thema oder eine Aufgabe mich packt – ich kann dann nicht anders, als mich einzusetzen. Aber einen Grossteil der Arbeit, die daraus resultiert, würde ich lieber vermeiden.

Bringt die Arbeit mit zunehmendem Alter auch mehr Selbstbestimmung mit sich?
Ich habe jetzt weniger Sitzungen, muss mich kaum mehr Institutionsregeln anpassen und viel weniger Prüfungen abnehmen und Arbeiten korrigieren. Und dass ich seltener früh aufstehen muss, darüber bin ich auch froh. Auch kann man in meinem Alter eher Sachen sagen, die sonst mit einer gewissen Stellung oder Institution nicht vereinbar sind. Mit dem Alter kommt eine gewisse Narrenfreiheit, sozusagen. Aber sonst hat sich eigentlich nicht so viel verändert.

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Allan Guggenbühl ist Sohn eines Schweizer Psychologen und einer schottischen Bildhauerin. Er gehört zu den gefragtesten Psychologen der Schweiz und ist Autor zahlreicher Bücher zum Thema Konfliktmanagement, Gewaltprävention, Bildung sowie Jungen- und Männerarbeit. Seine Methode des Mythodramas wird vor allem bei der Therapie kriegstraumatisierter Kinder eingesetzt.

Wenn Sie jetzt aufhören würden zu arbeiten: Was würden Sie vermissen?
Ich arbeite und diskutiere gerne mit Menschen, beinle mit ihnen etwas aus. Das würde mir schon fehlen.

Gibt es Bereiche in Ihrem Leben, die für Sie mit dem Alter wichtiger geworden sind?
Wichtiger geworden sind Freundschaften, Gespräche und die Familie. Man blickt versöhnlicher auf die Vergangenheit zurück.

Wie lange möchten Sie noch arbeiten?
Momentan fühle ich mich gesundheitlich fit genug, um weiter zu arbeiten. Ich habe die Illusion, dass ich noch einen Beitrag zu Gesellschaft und Familie leisten kann. Aufzuhören ist jedoch keine Horrorvorstellung. Im Gegenteil: Ich habe Fantasien, mich eine Zeitlang auf eine schottische Insel zurückzuziehen, für fünf, sechs Wochen, um Gitarre zu spielen und zu sinnieren. Ich warte auf den Moment, in dem mich nichts mehr reizt oder hineinzieht. Ich werde jedoch bis zum meinem Lebensende tätig bleiben und Gott antworten, wenn er mich abholt: «Give me some minutes, I’m not finished yet» – ich bin noch nicht ganz fertig.

«Pensionierung, das ist doch eigentlich eh ein unnatürliches Konzept», sagt Allan Guggenbühl bei der Verabschiedung. «Von Staates wegen wird dekretiert, ‘jetzt ist genug’, ohne dass man persönlich befragt wurde. Diese Abschiebung der Alten kostet Milliarden, ein Luxus, den sich unser Land nicht mehr lange leisten kann.»

Video: Mattogrosso
Fotos: Romy Maxime
Text: Michèle Roten

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