Im Januar starten die 55. Solothurner Filmtage. Die neue Direktorin über ihre Leidenschaft fürs filmische Erzählen, Highlights im Festival-Programm und die Strahlkraft der grossen Leinwand.

Liebe Frau Hugi, Solothurn ist im Januar die Schweizer Filmhauptstadt. Was macht den Besuch besonders lohnenswert?
Anita Hugi:
 Es sind hier 178 ausgewählte neue Schweizer Dokfilme, Spielfilme, Trickfilme, Serien und Musikclips zu sehen. Leichtfüssige Komödien ebenso wie stillere Filme. Beim Festivalbesuch und in den Filmen kommt man mit anderen Leuten in Kontakt – und begegnet sich auch selber. Dazu gibt es Konzerte und Events, die die Filme begleiten, dort trifft man neue Leute und kann das Gesehene auch diskutieren – oder als Publikum ein direktes Zeichen setzen, wenn man beim «Prix du Public» abstimmt.

Wie begeistern Sie einen Teenager, der sich wenig für Arthouse-Kino interessiert, für einen Besuch der Filmtage?
Anita Hugi: Wir zeigen Werke mit Fragestellungen, über die vielleicht gerade junge Menschen nicht immer ganz so offen und direkt sprechen mögen. Es geht zum Beispiel um Einsamkeit, um Familienbeziehungen, Freundschaften, um Liebe und Erwachsenwerden. Was vertraut man seinen Eltern an, was nicht? Mit wem kann und mag man über persönliche Dinge sprechen? Unsere Filme eröffnen, durchaus auch auf leichte und unterhaltsame Art und Weise, neue Perspektiven. Der Samstag ist übrigens ganz dem filmischen Nachwuchs gewidmet und wird mit der ersten gemeinsamen, öffentlichen Party der Schweizer Filmhochschulen beschlossen.

In Zeiten des grossen Erfolgs von Plattformen wie Netflix und Co – hat das Kino da noch Strahlkraft?
Anita Hugi: Ins Kino zu gehen, ist eine kollektive, sinnliche Erfahrung. Man taucht gemeinsam in eine Geschichte ein und nach dem Film taucht man langsam aus dieser anderen Welt wieder auf. Das zu erleben, finde ich jedes Mal einzigartig. Heute sind wir ja alle auch Laptop-Kinogänger. Ich persönlich bin keine Gegnerin des Streamings, Filme schauen ist in jeder Form eine tolle Sache – zu Hause habe ich einen Beamer. Wir als Festival bieten aber eine Erfahrung, die darüber hinausgeht. Und ein facettenreiches Filmprogramm, das von einer unabhängigen Fachjury ausgewählt wurde. Darin leiten uns auch Fragen wie: Was überrascht und überzeugt inhaltlich und formal, was macht Spass, was regt zum Denken an.

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Die Solothurner Filmtage sind seit über 50 Jahren das bedeutendste Festival für den Schweizer Film. Mit über 65 000 Eintritten zählt der Anlass zu den renommiertesten Kulturveranstaltungen der Schweiz. Swiss Life engagiert sich seit 2008 als Hauptsponsorin und vergibt den Publikumspreis PRIX DU PUBLIC. Exklusiv für Swiss Life-Kunden wird auf der nach dem Festival startenden «Cinétour» ein «Best-of» der Solothurner Filmtage gezeigt.

Die technische Entwicklung hat das Filmemachen zugänglicher gemacht. Kann theoretisch jeder Schweizer und jede Schweizerin einen Filmbeitrag in Solothurn einreichen?
Anita Hugi: Ja, und es gibt auch keine Anmeldegebühren. Das war ein erklärtes Ziel jener Filmschaffenden, die die Filmtage 1966 begründet haben.

Solothurn ist eine kleine Stadt – inwiefern prägt das den Charakter des Festivals?
Anita Hugi: Man geht nach dem Kino vielleicht noch was trinken und sieht dann jemanden wieder, der auch im Kino war. Hört die Menschen um einen herum über den Film reden – kommt ins Gespräch. Begegnet in den Gassen der wunderschönen Solothurner Altstadt oder im Café im Festivalzentrum oder in unserem Future Lab per Zufall Filmemacherinnen oder Filmemachern. Die räumliche Nähe, die es hier gibt, das ist toll. In der Festivalwoche zählen wir rund 65'000 Eintritte, das heisst über 8000 Gäste pro Tag – im Kino, in Cafés, in Restaurants, auf den Strassen. Das schafft eine unvergleichliche Atmosphäre.

Was fasziniert Sie persönlich am Medium Film?
Anita Hugi: Beim Filmeschauen und beim Filmemachen schafft man sich Zeit, um sich auf ein Thema einzulassen, zu beobachten, über etwas nachzudenken und etwas von allen Aspekten her und aus allen Perspektiven zu beleuchten. Gerade in unserer doch schnelllebigen Zeit ist das besonders kostbar. Filmschaffende vervielfältigen in ihren Filmen nicht Klischees, sondern entwickeln ihren filmischen Standpunkt sorgfältig, hören zu und lassen sich überraschen. Das Resultat dieser Arbeit hat mich immer fasziniert. Genau wie das Zusammenspiel von Inhalt und Form.

Fotograf

Anita Hugi, 1975 in Grenchen (SO) geboren, wuchs in Biel auf. Nach dem Studium des Übersetzens in Zürich und Strassburg bildete sie sich in Journalismus und Kulturkommunikation weiter und war ab 1999 freie Mitarbeiterin für verschiedene Schweizer Medien. Ab 2005 verantwortete sie als Redaktorin Filmprogramm und Produktion von «Sternstunde Kunst» beim Schweizer Radio und Fernsehen SRF. 2016 bis 2018 war sie Programmdirektorin des Festival International du Film sur l'Art (FIFA) in Montreal. Ihre Filmprojekte wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet.

Sie haben zeitweise in Kanada gelebt. Was schätzen Sie an Ihrer Heimat?
Anita Hugi: Was mir hier in Solothurn gefällt, ist, dass man hier wie in Kanada gerne Sachen anpackt. Und dieses «Was tun, was anpacken» ist einerseits typisch nordamerikanisch, aber auch durchaus typisch schweizerisch, denke ich. Man wartet nicht, bis einem jemand die Erlaubnis gibt, sondern man macht mal. Dieses Selbstverständnis, aus einem inneren Antrieb heraus das zu tun, was man möchte, und es dann auch gut zu machen, zur Perfektion zu treiben. Vielleicht ist es die Uhrmachermentalität dieser Region?

Was bedeutet es für Sie, selbstbestimmt zu leben?
Anita Hugi: Eine meiner Lieblingsschriftstellerinnen, Undine Gruenter, schrieb einst etwas, das mich sehr geprägt hat: «Freiheit beginnt, wo das Re-Agieren aufhört.» Dass man im Leben nicht wartet, bis sich etwas ändert, eben nicht re-agiert, sondern agiert, das ist für mich Selbstbestimmung. Und das passiert überall da, wo ich Eigeninitiative entwickle und diesen Antrieb habe, dranzubleiben. Viele Filmemacherinnen und Filmemacher sind ja so: Die lassen nicht locker.

Worauf freuen Sie sich am meisten am Festival?
Anita Hugi: Auf die ganz besondere Atmosphäre hier in den Sälen. Auf das Knistern im Kino, bevor ein Film beginnt. Auf die Gespräche, die Gäste, das Sprachengewirr, das Lebendige in den Strassen, die vielen tollen Menschen, die kommen. Und auf diesen einzigartigen Moment, wenn ein Film Premiere hat. Ein Werk ist ja immer erst da, wenn es von einem Publikum gesehen wird, und dieser Augenblick hat für mich etwas Magisches. Und natürlich freue ich mich auch sehr auf das Programm rundherum, etwa auf das Konzert von Puts Marie am Eröffnungsabend, der Gewinnerband des letztjährigen besten Schweizer Videoclips. Die ganze Stadt steht ab dem 22. Januar für eine Woche ganz im Zeichen des Films, wir werden dann so eine Art kleiner Filmkontinent.

Bilder: Thomas Egli/Keystone

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