In seinem ersten Job konnte Jürg Biber sich nicht vorstellen, bis 65 zu arbeiten – doch jetzt, als selbstständiger Weinbauer, ist er auch mit 68 Jahren mit Passion und Engagement noch voll berufstätig. Allerdings wenn möglich nicht mehr allzu lange: Er will mit seiner Frau reisen gehen, wenn das mit der Nachfolge mal geregelt ist.

Eines ganz normalen Arbeitstages als Chemielaborant ereilte den damals 23-jährigen Jürg Biber folgender Gedanke: Das werde ich noch rund 40 Jahre machen. Es fühlte sich nicht gut an. Und so beschloss er, eine zweite Ausbildung als Winzer zu machen. Er wurde Reb- und Kellermeister einer Genossenschaft, bis er mit 50 die Möglichkeit hatte, ein Weingut im Walliser Salgesch zu übernehmen. Und so kommt es, dass Jürg Biber auch heute mit 68 noch arbeitet – zwar etwas weniger, seit er sich mit drei anderen Betrieben zu einer Produktionsgesellschaft zum Managen der Ernte zusammenschlossen hat, aber immer noch so viel, dass seine Frau alleine auf grössere Reisen geht. «Das führt immer wieder zu Reibereien», sagt er. «Es ist auch wirklich schade, weil gerade die Partnerschaft mit dem Alter einen immer wichtigeren Stellenwert bekommt.» Schilder weisen zum «Cave Biber», zu seinem «Carnotzet», dem Weinkeller inmitten der Reben in einer Gegend, die mit ihren seltsam geformten Felsen etwas Grand-Canyon-Artiges hat. Jürg Biber kontrolliert mit zärtlichen Griffen die jungen Triebe – «was den Frost angeht, steht dieses Jahr auf Messers Schneide».

Herr Biber, was haben Sie gegen den Ruhestand?
Ich habe gar nichts gegen den Ruhestand und ich merke auch, dass es von der körperlichen Befindlichkeit her langsam Zeit wird, etwas kürzerzutreten.

Warum arbeiten Sie denn noch?
Das hat verschiedenste Gründe. Einerseits habe ich mich relativ spät selbstständig gemacht und es ist halt immer so eine Sache, wie lange man Zeit hat zum Abzahlen. Das ist ein Grund, der andere Grund ist, dass wir super Weinjahre hatten. 2018, 2019 und 2020 waren Hammer-Weinjahre. 2019 war der beste Jahrgang, den ich je gemacht habe in den letzten 45 Jahren. Das macht schon Freude.

Das Geld ist Grund Nummer eins?
Ja, es ist gar nicht anders möglich. Meine ganze Altersvorsorge ist in meinem Unternehmen drin, alles, was ich aus dem Verkauf des Betriebs rauslösen kann, ist das, was mir bleibt, nach Abzug von Schulden und Hypotheken. Ich habe keine zweite und keine dritte Säule mehr, das steckt alles im Betrieb. Und jetzt ist eben die Phase, in der man den Rahm abschöpfen kann.

Was lieben Sie an Ihrem Beruf?
Winzern ist absolut ganzheitlich. Es beginnt mit dem Pflanzen der Reben, geht über die Ernte, die Vinifizierung, das Abfüllen und das Lagern bis hin zu Verkauf und Buchhaltung. Das gibt es nur noch in ganz wenigen Berufen. Früher mochte ich die Arbeit in den Reben am liebsten, aber das fällt mir je länger, je schwerer wegen des Rückens und der Knie. Aber der beste Moment des ganzen Prozesses ist das Filtrieren – die Weine sind trüb, die sind noch nicht strahlend und dann lässt man sie durch den Filter und am Filter hats einen kleinen Hahn und da kann man abzapfen. Dann hat man das erste Mal das reine Produkt in einem Glas, das ist einfach genial, jedes Mal wieder.
 

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Jürg Biber
Zur Person: Der 6,5 Hektaren grosse Betrieb besteht schon seit über 50 Jahren, seit 17 Jahren als «Cave Biber». Jürg Bibers selbstgestaltete Postkarten, erhältlich im Carnotzet, sind Kult in der Region.

Sind Sie heute selbstbestimmter als noch in jüngeren Jahren?
Ich hatte vor zwei Jahren ein Erlebnis, bei dem es genau darum ging. Mich hat es total genervt, die neue Ernte einzubringen, bis ich in einer schlaflosen Nacht DIE Idee hatte: Ich stelle die ganze Vinifizierung völlig auf den Kopf. Und das Erstaunliche war: Das wurde mein absoluter Hammer-Jahrgang. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mich als 30-jähriger Keller- oder Rebmeister getraut hätte, so eine Entscheidung zu treffen.

Wenn Sie einen Käufer, eine Nachfolge finden würden, würden Sie komplett aufhören wollen zu arbeiten?
Nein, das möchte ich eigentlich nicht. Immer ein bisschen arbeiten ist ja schon schön. So ein Betrieb wächst einem über die Jahre hinweg ans Herz. Man hat ihn aufgebaut über Jahrzehnte, nach seinem Gusto und seinen Vorstellungen und Erfahrungen. Das jetzt einfach so zu übergeben, fällt mir an und für sich nicht schwer – solange es in meinem Sinn weitergeführt wird. Aber wenn ich aus finanziellen Gründen gezwungen wäre, an irgendeinen Grossbetrieb zu verkaufen, bei dem ich geschluckt würde, dann hätte ich schon Mühe damit. Zum Glück gibt es Bewerber, die gut passen würden. Wie jetzt das mit dem Finanziellen ausschaut, sehen wir dann in der nächsten Zeit.

Die Sonne steht schon tief am Horizont, als wir von der Degustation kartonbeladen aus dem Carnotzet steigen. Jürg Biber gibt uns noch einen Winzerwitz mit auf den Weg: «Was macht ein Winzer nach dem Mittagsschlaf? – '10 vor 10' schauen.»

Video: Mattogrosso
Fotos: Romy Maxime
Text: Michèle Roten

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