Die Geburtenrate in der Schweiz bleibt auf Talfahrt – doch am fehlenden Kinderwunsch allein liegt es nicht. Das zeigt die Studie «Storch im Sinkflug» von Swiss Life. Im Interview ordnet Studienautorin Nadia Myohl die Ursachen für die sinkende Geburtenziffer ein und zeigt auf, wie die gesellschaftlichen Erwartungen vom realen Kinderwunsch abweichen.
Mittlerweile haben die meisten Personen in meinem Freundeskreis Kinder. Doch was sagt deine Untersuchung über die Entwicklung des Schweizer Nachwuchses aus?
Die Geburtenrate hat in der Schweiz einen historischen Tiefstand erreicht. Im Jahr 2025 hatte eine Frau im Schnitt nur noch 1,28 Kinder. Doch das Phänomen der tiefen Geburtenrate ist nicht neu: Seit Ende des Babybooms zu Beginn der 1970er-Jahre lag die Geburtenrate konstant unter 2,1 Kindern pro Frau – und somit unter dem Wert, der nötig wäre, um die Elterngeneration zu ersetzen. Seit 2021 hat sich das Ausmass des Geburtenrückgangs sogar noch verstärkt.
Gibt es da regionale Unterschiede?
Die sinkenden Geburtenraten zeigen sich sowohl in städtischen als auch in ländlichen Gebieten. Obschon es auf kantonaler Ebene gewisse Unterschiede gibt, erreichte die Geburtenrate mit wenigen Ausnahmen 2024 schweizweit Tiefstwerte. Die sinkenden Geburtenraten sind ein flächendeckendes und weltweites Phänomen.
Weshalb haben die Menschen immer weniger Kinder?
Die Gründe für die sinkenden Geburtenraten sind vielfältig und nicht restlos geklärt. Die internationale Forschung zeigt jedoch, dass der wirtschaftliche Aufstieg von Frauen in den letzten Jahrzehnten eine wesentliche Rolle spielen könnte. Frauen mussten sich vermehrt zwischen ihrer beruflichen Karriere und einem Kind entscheiden. Aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung sind die Wahlmöglichkeiten in der Gesellschaft heutzutage allgemein grösser: Man entscheidet sich jeweils zwischen einem (weiteren) Kind und vielen anderen Dingen wie etwa Freizeit und Reisen, aber auch Zeit mit dem Partner oder der Partnerin.
Was spricht denn besonders in der Schweiz gegen Kinder?
In unserer schweizweiten Umfrage lauten die häufigsten Gründe, weshalb 18- bis 45-Jährige gar keine oder zumindest keine weiteren Kinder wollen: generelles Fehlen eines Kinderwunsches (52%), zu hohe finanzielle Belastung (39%) oder abgeschlossene Familienplanung (43%). Letzteres nennen zwei Drittel der Eltern, die keinen weiteren Kinderwunsch hegen.
Und welche Gründe haben kinderlose Personen ohne Kinderwunsch?
Kinderlose Personen ohne Kinderwunsch nennen besonders häufig Sorgen um die Weltlage (46%) und eine zu hohe zeitliche Belastung (44%) als Grund. Einige machen sich auch Sorgen um die Vereinbarkeit von Beruf und Karriere (28%) oder befürchten negative Folgen für ihre Karriere (14%).
Ist in unserer Gesellschaft der Kinderwunsch abhandengekommen?
Auf keinen Fall. 46% der kinderlosen 18- bis 45-Jährigen sagen, dass sie ein Kind möchten. Weitere 24% wissen es noch nicht genau. Zudem finden 33% der Eltern, dass sie sich mindestens ein weiteres Kind wünschen.
Und wie unterscheiden sich Frauen und Männer hinsichtlich ihres Kinderwunsches?
Fast gar nicht. Von den kinderlosen 18- bis 45-Jährigen wünschen sich 48% der Männer und 45% der Frauen ein Kind. 25% der Männer und 29% der Frauen wollen dagegen explizit keines – statistisch gesehen sind das alles vernachlässigbare Differenzen. Das scheint aber nicht in der Gesellschaft angekommen zu sein.
Das musst du mir jetzt genauer erklären.
Wir haben in unserer Umfrage die 18- bis 60-jährige Bevölkerung nach ihrer Einschätzung gefragt, ob sich innerhalb einer Partnerschaft eher Frauen oder Männer ein Kind wünschen. 45% glauben, dass eher Frauen ein Kind wollen, und 5% eher Männer. Dagegen denken bloss 41%, dass sich Frauen und Männer gleich oft ein Kind wünschen – was in der Realität ja gerade zutrifft. Die gesellschaftlichen Vorstellungen stehen somit im Kontrast zum tatsächlichen Kinderwunsch.
Welche gesellschaftlichen Vorstellungen sind denn sonst noch mit dem Kinderhaben verbunden?
Drei von zehn Befragten finden, dass die Gesellschaft zu stark Kinder von ihnen erwartet. Dabei scheint die Wahrnehmung zu sein, dass Kinder mehr von Frauen als von Männern erwartet werden: So sagen 38%, dass die Gesellschaft von einer Frau Kinder erwartet. Hier verbirgt sich ein Geschlechtergraben, denn Frauen sind öfter dieser Meinung – nämlich jede zweite Frau. Nur 17% der 18- bis 60-Jährigen finden, dass die Gesellschaft von einem Mann Kinder erwartet.
Storch im Sinkflug
Ursachen, Folgen und Trends zur rückläufigen Geburtenentwicklung in der Schweiz.
Und wie sind die Erwartungen gegenüber erwerbstätigen Müttern und Vätern?
Auch in Bezug auf die Erwerbstätigkeit gibt es geschlechterspezifische gesellschaftliche Erwartungen: 35% der Befragten sind der Meinung, dass es für kleine Kinder schädlich ist, wenn die Mutter Vollzeit erwerbstätig ist. Dagegen finden nur 16%, dass dies auf die Vollzeiterwerbstätigkeit von Vätern zutrifft. Wir beobachten hier ein traditionelles Rollenbild.
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Wie sieht die ideale Familie in der Schweiz aus?
Wir haben Personen mit einem (weiteren) Kinderwunsch gefragt, wie viele Kinder sie insgesamt gerne hätten. Am beliebtesten ist klar eine Familie mit zwei Kindern (61%), gefolgt von drei Kindern (24%). 8% hätten gerne mehr als drei Kinder. Nur 7% wünschen sich ein Einzelkind. Hier sehen wir einen Zusammenhang mit der eigenen Herkunftsfamilie: Je mehr Geschwister man hat, desto eher möchte man selbst eine Familie mit vielen Kindern. Zwar ist eine Familie mit zwei Kindern in jedem Fall am beliebtesten, jedoch hätten 25% der Einzelkinder selbst gerne nur ein Kind.
Wie wirken sich Kinder auf die Erwerbstätigkeit und die berufliche Karriere aus?
Haushalte mit Kindern leisten insgesamt weniger bezahlte Arbeit als solche ohne – dafür leisten sie klar mehr unbezahlte Arbeit. Das kommt vor allem daher, dass besonders Mütter von kleinen Kindern weniger Erwerbsarbeit leisten. In Paarhaushalten gehen 25- bis 39-jährige Mütter mit Kindern unter sieben Jahren im Schnitt rund 16 Stunden pro Woche einer Erwerbsarbeit nach, bei gleichaltrigen kinderlosen Frauen sind es rund 32 Stunden.
Kinderlose Männer und Väter in diesem Alter leisten mit jeweils rund 36 Stunden pro Woche ähnlich viel Erwerbsarbeit. Berücksichtigt man auch die Care-Arbeit, so leisten Haushalte mit Kindern deutlich mehr Arbeitsstunden als kinderlose Haushalte. Nicht wenige Personen sorgen sich deshalb um die Vereinbarkeit von Beruf und Karriere – besonders Frauen: 61% gehen davon aus, dass ein (weiteres) Kind zu schlechteren oder sogar viel schlechteren Berufsaussichten führen würde, bei den Männern sind es nur 36%.
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