Kinder, ja oder nein? In Luzern sprechen Passantinnen und Passanten verblüffend offen über Familienplanung, Rollenbilder und den Wunsch nach Kindern. Zwischen Babyträumen, Karrierefragen und Erinnerungen an die eigene Kindheit zeigt sich: Der Kinderwunsch ist oft da, aber die Vorstellungen vom Familienleben haben sich verändert.

Kinder: ja, nein, wie viele?

«Auf jeden Fall, ja. Das ist ein Lebenstraum», sagt Livio (18) ohne zu zögern. Wie viele Kinder es einmal sein sollen? «Mindestens zwei, aber es könnten auch mehr sein.» Aileen (26) stellt sich ihre familiäre Zukunft mit zwei Kindern vor. Warum genau zwei? Sie lacht: «Drei passen nicht gut in ein Auto.» Dasselbe Argument führt Anna (30) ins Feld und zeigt, dass sich hinter der Familienplanung manchmal ganz praktische Überlegungen verbergen.

Andere denken stärker an die Familiendynamik. So kann sich Jeannine (18) drei Kinder vorstellen: Sie ist mit einem Bruder aufgewachsen und findet den Gedanken schön, «wenn man noch jemand Drittes im Bund hat». Seraina (19) beschäftigt vor allem die Frage, wie viel Aufmerksamkeit Eltern ihren Kindern schenken können. Zwei Kinder findet sie ideal, «denn mir ist es wichtig, dass ich auch genug Kapazitäten für die Kinder habe». Wieso hat Beat (71) exakt drei Kinder? Er scherzt: «Nach zwei Buben habe ich gewusst, wie man ein Mädchen macht.»

Portrait von Livio im Hintergrund die Luzerner Altstadt.
Wenn ich mit Freunden rede, wollen die meisten gar keine Kinder mehr.

Was sind die Gründe für die sinkende Geburtenrate?

Einige Befragte erleben in ihrem Umfeld, dass Kinder längst keine Selbstverständlichkeit mehr sind: «Wenn ich mit Freunden rede, wollen die meisten gar keine Kinder mehr», erzählt Livio (18). Viele wollten zuerst ihr eigenes Leben aufbauen und unabhängig bleiben. Andere sehen die Gründe vor allem im gesellschaftlichen Wandel. So hätten Frauen laut Seraina (19) heute viel stärker die Freiheit, sich bewusst für oder gegen Kinder zu entscheiden: «Früher wurde vielfach erwartet, dass Frauen Kinder haben», sagt sie. Heute können sich Frauen ehrlich fragen: «Will ich das wirklich?» Genau darin liege auch ein Fortschritt.

Dass Familiengründung und Karriere miteinander konkurrieren, spricht Christine (75) offen an: Viele Frauen wollten beruflich vorankommen – und Kinder bräuchten nun mal Zeit und Betreuung. Justine (30) beobachtet, dass die moderne Rollenverteilung neue Herausforderungen mit sich bringt. Wenn beide Elternteile Karriere machen möchten, müsse trotzdem jemand zurückstecken: «Frauen sind vielleicht weniger bereit, zu reduzieren und die Karriere hintenanzustellen.» Hinzu kommen die hohen Lebensunterhaltskosten, betont Nadine (31).

Portrait von Justine im Hintergrund die Luzerner Altstadt.
Frauen sind vielleicht weniger bereit, zu reduzieren und die Karriere hintenanzustellen.
Illustration: Ein Storch fliegt kopfüber nach unten und will einen Schnuller mit dem Schnabel auffangen.
Illustration: Ein Storch fliegt kopfüber nach unten und will einen Schnuller mit dem Schnabel auffangen.

Storch im Sinkflug

Ursachen, Folgen und Trends zur rückläufigen Geburtenentwicklung in der Schweiz.

Ist die Schweiz ein kinderfreundliches Land?

«Ich könnte mir fast kein besseres vorstellen», sagt Jeannine (18). Sie nennt das Bildungs- und Gesundheitssystem sowie die Stabilität der Schweiz als grosse Vorteile. Auch Davor (31) gerät ins Schwärmen: Die Schweiz sei «eins der besten Länder», um Kinder grosszuziehen. Sicherheit, Perspektiven und Zukunftschancen würden Familien einen stabilen Rahmen bieten. Insgesamt fallen die Antworten überwiegend positiv aus, doch gerade Jüngere sehen Verbesserungspotenzial.

Portrait von Christine im Hintergrund die Luzerner Altstadt.
In der Schweiz geht es uns gut und die Kinder können gut aufwachsen.

Aileen (26) findet den Mutter- und insbesondere den Vaterschaftsurlaub zu kurz. Justine (30) beobachtet, dass Eltern früh wieder in die Arbeitswelt zurückkehren müssten. Christine (75) spielt auf einen Generationenunterschied an: Aus Sicht der Jungen sei Kinderbetreuung teuer und schwierig zu organisieren. Trotzdem findet sie: «In der Schweiz geht es uns gut und die Kinder können gut aufwachsen.» Rolf (75) formuliert es poetischer: «Wir leben hier auf einer Insel in Geborgenheit.» Umso mehr bedauert Philipp (75) die tiefe Geburtenrate – gerade für die AHV.

Portrait von Aileen im Hintergrund die Luzerner Altstadt.
Ich kenne mehr Frauen, die keine Kinder möchten.

Wer wünscht sich eher Kinder: Männer oder Frauen?

«Frauen. 100 Prozent», ist Dipak (26) überzeugt. Doch die Stimmen aus Luzern zeichnen ein differenziertes Bild. Während Anna (30) spontan meint, Frauen hätten wohl den grösseren Wunsch nach Kindern, erlebt Aileen (26) in ihrem Umfeld etwas anderes: «Ich kenne viele Männer, die einen Kinderwunsch haben.» Gleichzeitig kennt sie mehr Frauen, die bewusst keine Kinder möchten. Nadine (31) vermutet, dass Männer den stärkeren Kinderwunsch verspüren. Sie begründet das augenzwinkernd damit, dass Männer nach der Geburt eines Kindes «wieder 80 bis 100 Prozent arbeiten gehen dürfen».

Die Studie «Storch im Sinkflug» von Swiss Life zeigt, dass der Kinderwunsch bei Männern und Frauen ähnlich stark ausgeprägt ist. Überrascht das? «Ganz und gar nicht», findet Davor (31). Solange (32) nimmt ihre eigene Beziehung als Massstab: Der Wunsch nach Kindern sei bei ihr und ihrem Mann immer da gewesen. Marco (45) hätte den Wunsch dagegen stärker bei den Frauen vermutet. «Im Sinne der Gleichberechtigung» findet er das ausgeglichene Bild heute umso schöner.

Portrait von Marco im Hintergrund die Luzerner Altstadt.
Im Sinne der Gleichberechtigung ist es schön, dass der Kinderwunsch von Männern und Frauen 50:50 ist.

Vollzeit arbeiten – trotz Kindern? Und wer soll die Kinder betreuen?

Viele haben klare Vorstellungen davon, wie sie ihr Familienleben organisieren wollen – allerdings meist nicht nach klassischen Rollenbildern. Seraina (19) will weiterarbeiten, doch kann sie sich ein Vollzeitpensum mit Kindern nicht vorstellen. Sie möchte genügend Zeit mit ihren Kindern verbringen. Thomas (64) erinnert sich an seine eigene Kindheit. Sein Vater sei «150 Prozent in der Arbeitswelt» gewesen und habe kaum Zeit für die Familie gehabt. Er findet es wichtig, dass auch Väter präsent sind. Er beobachtet einen Wandel: «Ich sehe heute ganz viele Väter.» Früher sei er mit Kinderwagen noch ein Exot gewesen.

Portrait von Thomas im Hintergrund die Luzerner Altstadt.
Ich finde es wichtig, dass der Vater zwischendurch zu Hause ist.

Marco (45) lebt dieses Modell bewusst. Seit der Geburt seiner Zwillinge hat er einen festen «Papa-Tag» und ist «mega froh» darum. Gleichzeitig betont er, wie anspruchsvoll Betreuungsarbeit ist: «Es ist Knochenarbeit vom Morgen bis am Abend.» Justine (30) machte sich auch deshalb selbstständig, damit sie dereinst mit Familie weiterarbeiten und ihrem Kind ein Vorbild sein kann. Auch Lea (25) findet es wichtig, Kindern vorzuleben, «dass es eben doch machbar ist». Wer am Ende arbeitet und wer betreut, sei ohnehin zweitrangig, meint Davor (31). Entscheidend seien Liebe und Fürsorge. Oder wie Aileen (26) es formuliert: «Schlussendlich ist es wichtig, dass das Kind eine gute Bezugsperson hat.»

Portrait von Davor im Hintergrund die Luzerner Altstadt.
Es spielt keine Rolle, wer arbeitet: Liebe und Fürsorge für das Kind sollten im Mittelpunkt stehen.

Ein Leben ohne Kinder: Ist das überhaupt vorstellbar?

Für viele ist die Antwort klar. «Nein, auf keinen Fall», sagt Beat (71). Kinder sind für ihn «das Grösste». Auch Livio (18) spricht von seinem «Lebenstraum», irgendwann seine eigene Familie gründen zu können. Thomas (64) wurde bereits mit 22 Vater und beschreibt das bis heute als «etwas vom Grössten» in seinem Leben. Jeannine (18) stellt es sich als sehr erfüllend vor, Kindern etwas weitergeben zu können. Aileen (26) tut genau das beruflich – Kinder bereiten ihr viel Freude. Gleichzeitig kann sie verstehen, wenn jemand bewusst darauf verzichtet.

Portrait von Jeannine im Hintergrund die Luzerner Altstadt.
Ich bin so viele Jahre auf dieser Welt – und etwas weitergeben zu können in dieser Zeit, stelle ich mir sehr erfüllend vor.

Seraina (19) wünscht sich Kinder. Aber wenn es keine geben wird? «Dann kann ich trotzdem ein glückliches Leben führen.» Lea spricht aus, was manche verdrängen: Kinder zu bekommen, ist keine Selbstverständlichkeit. Falls es mit eigenen Kindern nicht klappe, müsse man sich damit abfinden – oder andere Wege finden, wie eine Adoption. Marco (45) könnte sich ein Leben ohne Kinder «grundsätzlich» vorstellen. Er ist eher spät Vater geworden und hat seine Freiheiten genossen. Im Lauf der Zeit verspürte er jedoch den Wunsch nach einer neuen Herausforderung. Heute ist er dankbar, dass es «mit der Familie auf glückliche Art und Weise gelungen» ist.

Portrait von Seraina im Hintergrund die Luzerner Altstadt.
Ich möchte gerne Kinder. Aber wenn es keine gibt, dann kann ich trotzdem ein glückliches Leben führen.

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