Christine Davatz – Präsidentin der KMU Frauen Schweiz – befasste sich bereits früh mit der beruflichen Vorsorge. Sie setzt sich aktiv dafür ein, dass auch andere Frauen darüber Bescheid wissen. Ihrer Meinung nach sollte das BVG für alle gleich sein. Und gleiche Rechte bedeuten für sie auch gleiche Pflichten.

Etwa die Hälfte der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) sind klar der Auffassung, dass Frauen im Hinblick auf die Altersvorsorge mit grösseren Herausforderungen kämpfen. Das hat eine Swiss Life-Studie mit rund 300 KMU ergeben. Inwiefern trifft diese Aussage Ihrer Meinung nach zu?
Christine Davatz: Mit Ausnahme des Rentenalters – bei dem die Frauen vom Alter her eigentlich bevorzugt werden – ist das BVG geschlechtsneutral gestaltet. Wenn es besondere Hausforderungen gibt, dann aufgrund der speziellen Arbeitsformen – zum Beispiel vermehrte Teilzeitarbeit. Wenn ein Mann Teilzeit arbeitet, hat er die gleichen Bedingungen. Und grundsätzlich erhalten beide für die gleiche Arbeit den gleichen Lohn. KMU haben für mich darum auch keine spezielle Rolle, wenn es um Vorsorgelücken von Frauen geht.

Jetzt heisst es doch immer, Frauen verdienen weniger als Männer. Stimmt das nicht?
Für uns gilt: gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Halten das Grossbetriebe oder Verwaltungen nicht ein, gibt es nur eines zu tun: sofort beseitigen. Vor allem, wenn es Funktionsbeschreibungen gibt. In KMU hat es häufig keine gleichen Arbeitsplätze und deshalb sind Vergleiche schwieriger.

Swiss Life forscht in Frauenbelangen

«Die wachsende Arbeitsmarktbeteiligung von Frauen, sinkende Lohndifferenzen und rechtliche Anpassungen sorgen dafür, dass der «Gender Pension Gap» langsam, aber stetig abnimmt, jedoch nicht ganz verschwindet», sagt Andreas Christen, Senior Researcher Vorsorge bei Swiss Life, zur Vorsorgelücke von Frauen. Weitere Details finden sich hier:

Es ist wichtig, sich frühzeitig mit dem Thema berufliche Vorsorge auseinanderzusetzen. Interessieren sich junge Frauen für das Thema?
Die Leute – Frauen und Männer – setzen sich generell zu wenig und meist zu spät mit der beruflichen Vorsorge auseinander. Leider. Das mag einerseits mit der Komplexität der Materie zu tun haben. Andererseits scheinen sich die Leute lieber mit kurzfristigen Themen als mit langfristigen zu beschäftigen. Für mich war das Thema bereits früh wichtig. Ich habe mich das erste Mal 1984 im Zusammenhang mit meiner ersten Arbeitsstelle damit befasst.

Engagieren sich die KMU Frauen Schweiz dafür, dass sich Frauen über ihre Vorsorgesituation informieren?
Ja! Wir bauten das Netzwerk 1994 auf. Ich «zog» damals von Verbandsmitglied zu Verbandsmitglied. Mein Ziel war es, sie über unser Vorhaben zu informieren und zu motivieren.

Das Rentenalter für Frauen beträgt zurzeit 64 Jahre – ein Jahr weniger als für Männer. Was ist Ihre Meinung dazu?
Wir kommen nicht darum herum, das Rentenalter zu erhöhen und geschlechtsneutral aus- zugestalten. Nur so können wir angesichts der demografischen Entwicklung das Leistungsniveau halten. In einem ersten Schritt sollten wir das Rentenalter 65 für Frauen einführen. Danach sollten wir das Rentenalter schrittweise – um ein bis zwei Monate je Kalenderjahr – erhöhen. Vermutlich werden wir mal beim Rentenalter 67 oder 68 landen.

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Christine Davatz ist seit über 30 Jahren beim Schweizerischen Gewerbeverband (sgv) für das Dossier Bildung zuständig. Die Stelle trat sie nach ihrem Jura-Studium an der Universität Basel und dem und Notariatspatents an. Sie ist u.a. Gründerin und Präsidentin der KMU Frauen Schweiz, Mitglied des Schweizerischen Hochschulrats und der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW. Sie ist FDP-Mitglied und Hauptmann der Schweizer Armee.

Heute arbeiten bereits beinahe 40% der Erwerbstätigen Teilzeit. Wie viele davon sind Frauen?
Durchschnittlich 61%. Dies aber vor allem in kleineren und mittleren Betrieben. Bei den selbstständigen Frauen ohne Mitarbeitende liegt der Teilzeitanteil bei 67%. Bei selbstständigen Frauen mit Mitarbeitenden beträgt der Teilzeitanteil 44%. Mitarbeitende Frauen in KMU arbeiten 83% Teilzeit. Dagegen arbeiten bei angestellten Frauen in der Geschäftsleitung von Betrieben mit mehr als 250 Mitarbeitenden lediglich 32% Teilzeit. Sie sehen: Gerade die KMU sind flexibler und ermöglichen den Frauen Teilzeitarbeit.

Warum engagieren Sie sich für Frauenanliegen?
Für mich ist zentral, dass sich jedes Mädchen seiner Neigung und Eignung entsprechend entwickeln und ausbilden kann. So kann sie sich als erwachsene Frau dort bewegen, wo sie es sich vorgestellt hat. Dafür setze ich mich in meiner Arbeit als Bildungsverantwortliche beim Schweizerischen Gewerbeverband sgv ein – und wir haben hoffentlich unsere Tochter auch so erzogen.

Sie bringen Familie, verschiedene Engagements, Job und Leitungsfunktion unter einen Hut. Welche Tipps möchten Sie Frauen in der Arbeitswelt mit auf den Weg geben?
Ich versuche, alles was ich mache, mit Freude zu tun. Das gibt mir automatisch Energie. Und wenn ich ein Ziel habe, dann verfolge ich es mit viel Ausdauer – bis ich es erreicht habe. Selbstbestimmung trägt zweifellos zur Arbeitszufriedenheit bei und fördert auch die Motivation. Meine Arbeit ermöglicht mir, vieles mitzubestimmen und in vielen Bereichen mitzuwirken. Ich schätze das sehr. Manchmal hätte ich aber gerne etwas mehr Zeit für mich selbst. Die nehme ich mir dann, wenn ich pensioniert bin.

Text: Mélina Zaugg
Bild: Killian Kessler

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Lucile Rougié-Cormorèche, Vorsorge- und Finanzspezialistin KMU, Finanzplanerin mit eidg. Fachausweis, Generalagentur Genève rive gauche

Kontakt: 022 818 36 85, Lucile.Cormoreche@swisslife.ch

«Swiss Life bietet Frauen verschiedene Möglichkeiten, sich finanziell umfassend für die Zukunft abzusichern. Ich bin froh, dass ich mit meiner Beratung einen Beitrag dazu leisten kann. Vor allem aufgrund der Familie arbeiten Frauen oft Teilzeit oder teilweise gar nicht. Das heisst, sie sparen nur wenig oder gar nicht in der beruflichen Vorsorge. Ich finde es wichtig, dass auch Mitarbeitende mit niedrigen Löhnen in die 2. Säule einzahlen können. Das lässt sich zum Beispiel durch die Senkung des Koordinationsabzugs erreichen. Auch eine Aufhebung der Eintrittsschwelle hilft. Diese Punkte erwähne ich in der Beratung gerne. Das Kapital in der beruflichen Vorsorge hilft Frauen, selbstbestimmt über ihr Leben zu entscheiden. Egal ob sie ihren Lebensstandard halten wollen, wenn sie pensioniert sind, ob sie sich selbständig machen oder Wohneigentümerin werden.» www.swisslife.ch/business