Unzählige Swipes, viel Frust, wenig Zählbares: noii-Gründerin Laura Matter möchte das Dilemma von Dating-Apps lösen – mit echten Begegnungen. Im Interview verrät sie, weshalb Offline-Events im Trend liegen, Single-Frauen heute selbstbestimmter sind und wie sie ihr Dating-Start-up zum Wachsen bringt.

Die riesige Discokugel in der Zürcher Restodisco Charlatan schwebt nur knapp über dem Boden. Stimmen, Gelächter und eine Mischung aus Neugier und Nervosität füllen den Saal. Donnerstagabend, kurz nach sieben: Gut 100 Singles strömen herein – einige in Begleitung, andere allein, alle mit demselben Ziel: ihre Liebe im echten Leben zu finden.

Um acht Uhr greift Laura Matter (26), Gründerin des Dating-Event-Veranstalters noii, zum Mikrofon: Sie gibt den Startschuss für die Icebreaker Games. Die Singles schwärmen aus, um ihren «Perfect Match» zu finden, den der Algorithmus ihrer noii-App ausspielt. Pärchen formieren sich, es wird gekichert. Die anfängliche Anspannung löst sich. Vom DJ-Pult beobachtet Laura Matter das Treiben. Dann mischt sie sich unter die Menge.

 

 

Die riesige Discokugel in der Restodisco Charlatan glitzert im Neonlicht.
Die riesige Discokugel in der Restodisco Charlatan glitzert im Neonlicht.
Laura Matter am Mikrofon spricht zu den Singles.
Laura Matter am Mikrofon spricht zu den Singles.
Laura Matter begrüsst ankommende Singles vor der Restodisco Charlatan.
Laura Matter begrüsst ankommende Singles vor der Restodisco Charlatan.
Ein paar Singles stehen vor dem Icebreaker-Stand.
Ein paar Singles stehen vor dem Icebreaker-Stand.

Laura, was macht für dich ein gutes erstes Date aus?
(Lacht) Wenn man zusammen etwas unternimmt – zum Beispiel einen Spaziergang oder eine Sportart. Eine solche Aktivität lockert eine per se seltsame Situation auf.

Du hast noii 2022 gegründet – damals als Plattform für virtuelle Speeddates. Wie entstand die Idee?
Während der Pandemie rief ich auf Kurzarbeit mit meinem damaligen Arbeitgeber eine Freiwilligenplattform ins Leben. Dabei funkte es zwischen manchen Helferinnen und Helfern. Nach der Kurzarbeit realisierte ich, dass ich lieber mein eigenes Ding machen möchte. Viele im Freundeskreis hatten genug von Dating-Apps. Mir wurde klar: Ich will Dating authentischer machen.

Laura Matter im Gespräch.
Dating-Apps vermitteln den Eindruck einer endlosen Auswahl – als läge jemand Besseres nur einen Swipe entfernt.

Was läuft falsch auf Tinder, Bumble, Hinge und Co.?
Diese Apps sind zu oberflächlich. Man verbringt zu viel Zeit online. Und die Zunahme an KI-generierten Fakeprofilen sorgt für Misstrauen. Am meisten stört mich: Man investiert viel Zeit, um abzuschätzen, ob sich ein Date lohnt. Oft reisst der Kontakt ab und Leute ghosten sich.

Sind heutige Singles ich-bezogener?
Wir erleben einen gesellschaftlichen Wandel: Hetero-Frauen sind nicht mehr auf einen Mann angewiesen, um sich in der Gesellschaft zurechtzufinden. Viele stehen auf eigenen Beinen. Eine Beziehung zu finden und sich zu verlieben, ist nur das i-Tüpfelchen. Unabhängigkeit macht wählerischer, was das Dating erschwert.

Findest du diese Entwicklung problematisch?
Als Frau finde ich diesen Wandel sehr positiv. Gleichzeitig vermitteln Dating-Apps den Eindruck einer endlosen Auswahl – als läge jemand Besseres nur einen Swipe entfernt. Das überfordert viele. Dabei sind es keine echten Optionen, sondern bloss Profile, die ausgespielt werden. Diesen Eindruck finde ich falsch und problematisch.

noii hat sein Online-Speeddating letzten Sommer abgeschafft und setzt nur noch auf Offline-Events – weshalb?
Dieser Entscheid zeichnete sich über Monate ab – eine emotionale Achterbahn, nachdem wir so viel Herzblut investiert hatten. Wir mussten den Tatsachen ins Auge blicken, dass unser Produkt nicht zum Fliegen kommt. Glücklicherweise hatten wir einen Plan B: Real-Life-Events, die wir als Promo für unser Video-Dating bereits durchgeführt hatten. Die Resonanz war überwältigend.

Gibt es Events, die bei Männern und Frauen unterschiedlich beliebt sind?
Sportevents sind beliebter bei Männern. Wir versuchen aktiv, mehr Frauen dafür zu gewinnen. Events wie Keramikmalen sind dagegen bei Frauen populärer. Manchmal fuchst es mich, wenn sich die Gender-Stereotype bestätigen.

 

Stellst du geschlechterspezifische Verhaltensmuster fest?
(Lacht) Männer erscheinen überpünktlich. Zu Beginn eines Events sind sie oft in der Überzahl. Das gleicht sich aber rasch aus. Frauen kommen häufiger in Gruppen, Männer meist allein. Dahinter verbirgt sich ein Stigma: Männer verraten ungern, dass sie an Dating-Events teilnehmen.

Gibt es einen Rückwärtstrend hin zu physischen Begegnungen?
Offline-Events liegen im Trend – nicht nur im Dating, sondern auch in der Corporate-Welt: Firmen rufen ihr Personal vermehrt zurück ins Büro. Obschon unsere Welt digital vernetzt ist, brauchen wir physische Begegnungen.

Laura Matter sitzt auf einem Korbsessel.
Wir möchten möglichst viele Menschen dieser Welt verkuppeln und ihnen zu einem freudvolleren Dating-Leben verhelfen.

Wie habt ihr die Finanzierung eures Unternehmens hinbekommen?
Mit zwei Finanzierungsrunden – einer mit Freunden, Familie und Business-Angels aus der Schweiz, einer mit Crowd-Investment: Privatpersonen konnten in unser Start-up investieren.

Wo steht ihr in eurer Business-Entwicklung?
Aktuell sind wir in den sechs grössten Städten der Deutsch- und der Westschweiz aktiv. Und wir starten gerade unsere Expansion nach Deutschland. Im April fand der erste Event in Stuttgart statt und war ein voller Erfolg. Damit ging ein grosser Traum in Erfüllung.

Was fordert dich am meisten heraus?
Eine Mentorin sagte mir einmal: Im Unternehmertum läuft ein Drittel der Zeit schlecht, ein Drittel solide und ein Drittel richtig gut. Schönreden bringt nichts. Du musst Zeiten aushalten, die nicht nach Plan laufen.

Was spornt dich momentan am meisten an?
Mich motiviert es, einen Lebensbereich zu verbessern, der viele Menschen frustriert. Wir vernehmen schöne Geschichten von Personen, die sich an unseren Events kennengelernt und geheiratet haben. Kürzlich kam das erste «noii-Baby» zur Welt.

Wie schaut es bei dir mit Freizeit und Ferien aus?
Einen Tag, an dem ich nicht arbeite, gibt es nicht. Mittlerweile habe ich eine gute Work-Life-Balance. Ein Start-up zu führen, ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Für optimale Leistung muss ich mir Sorge tragen. Sport und Schlaf sind mir wichtig, Ferien zur Erholung brauche ich aktuell dagegen nicht.

 

 

Laura Matter drückt einer Single-Frau einen Eintrittsstempel auf das Handgelenk.
Laura Matter drückt einer Single-Frau einen Eintrittsstempel auf das Handgelenk.
Grossaufnahme des DJ-Mischpults.
Grossaufnahme des DJ-Mischpults.
Mehrere Singles stehen vor der Cocktailbar des Charlatan.
Mehrere Singles stehen vor der Cocktailbar des Charlatan.
Laura Matter steht mit dem Rücken zum Eingang der Restodisco Charlatan.
Laura Matter steht mit dem Rücken zum Eingang der Restodisco Charlatan.

Wie lebst du – und wie viel verdienst du?
Bei der Gründung wohnte ich mietfrei bei meinen Eltern. Als ich ein Jahr später auszog, haben ich und meine zwei Mitgründer begonnen, uns einen Monatslohn von je 5000 Franken auszubezahlen. Das reicht gut zum Leben. Keine Geldsorgen zu haben, entlastet uns, um uns auf unser Unternehmen zu konzentrieren.

Wie wichtig ist dir deine finanzielle Selbstbestimmung?
Meine Eltern haben mir früh gesagt: «Schau, dass du auf eigenen Beinen stehst.» Das ist mir enorm wichtig. Aber sie haben mir auch vermittelt, dass sie mich notfalls finanziell unterstützen würden. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar.

Laura Matter sitzt auf einer Couch und blickt aus dem Fenster.
Im Unternehmertum läuft ein Drittel der Zeit schlecht, ein Drittel solide und ein Drittel richtig gut.

Das heisst, ihr sprecht in der Familie über Finanzen?
Mein Vater war ebenfalls selbstständig – das wurde mir in die Wiege gelegt. Finanzthemen besprechen wir sehr offen.

Denkst du auch schon an deine Altersvorsorge?
Am Familientisch diskutierten wir viel über Politik. Altersvorsorge war auch ein Thema. Ich habe früh ein Säule-3a-Konto eröffnet – und es für die Selbstständigkeit aufgelöst (lacht). Das würde ich nicht empfehlen. Jetzt habe ich ein neues Konto.

Keine gute Finanzentscheidung also – welche war deine beste?
In mein eigenes Unternehmen zu investieren, bringt mir hoffentlich irgendwann viel Geld ein (lacht). Die zweitbeste Entscheidung waren Daueraufträge, um in meine Spar- und Investmentkonti einzuzahlen.

Woher holst du dir solche Finanztipps?
Dieses Wissen besorge ich mir meist online auf YouTube oder Instagram – bei Finfluencern. Daneben ist mein Partner mein persönlicher Finanzberater. Er interessiert sich noch mehr für Finanzthemen und ich hole mir auch mal Tipps bei ihm.

Welchen Rat würdest du deinem jüngeren Ich zu Gründungsbeginn geben?
«Komm schneller aus den Startlöchern!» Zu Beginn machten wir uns zu viele Gedanken. Zudem würde ich nicht zu stark auf andere Meinungen der Start-up-Bubble hören. Erfahrungen und Situationen unterscheiden sich. Entscheide selbst und geh deinen Weg.

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