Tanja Good hat Chixxs on Board gegründet, eine Berg- und Outdoor-Schule von Frauen für Frauen. Unterwegs mit einer 35-jährigen Unternehmerin, die am Berg gegen Klischees und Stereotypen kämpft.
Wann genau beginnt das Abenteuer? Heute spätestens in der kleinen, offenen Gondel, die von Riemenstalden steil hinauf Richtung Spilau führt und durch die der Wind bläst. Tanja Good zieht sich ihre Sturmhaube etwas weiter unter die Nase, als die Bahn mit einem Ruck losfährt. Die 35-Jährige ist Gründerin von Chixxs on Board, einer Berg- und Outdoorschule von Frauen für Frauen. Hier oben befindet sich einer der Orte, an denen die Veranstalterin immer wieder Kurse durchführt.
Bald öffnet sich der Blick auf die Rigi und den Pilatus und das Nebelmeer. Es ist eine kleine Flucht in einer kleinen Gondel, raus aus dem Nebel und raus aus dem Alltag. Oben baut Tanja Good ihr Splitboard in Tourenski um, zieht die Felle auf, aktiviert das Lawinensuchgerät und stapft los ins verschneite Hinterland.
Tanja Good, welches ist der schönste Moment auf einer Skitour?
Wenn der Plan aufgeht. Wenn das Wetter und die Verhältnisse stimmen, wenn ich losziehen, den Alltag hinter mir lassen und ganz im Moment sein kann. Ein wichtiger Teil dabei sind die Menschen, mit denen ich unterwegs bin und mit denen ich eine gute Zeit am Berg verbringen kann.
Spielt die Herausforderung auch eine Rolle?
Es ist etwas sehr Schönes, sich nicht einfach von einem Lift auf den Berg ziehen zu lassen, um dann wieder die Piste runterzufahren. Eine Tour beginnt mit der Planung am Vorabend, man muss sich mit dem Gebirge, dem Gelände und den Verhältnissen auseinandersetzen, unterwegs muss man sehr präsent und aufmerksam sein. Dadurch entsteht eine spezielle Ruhe, weil man komplett in den Moment eintaucht.
Was löst das Wort «Powder» bei Ihnen aus?
Einerseits extreme Freude, andererseits grossen Respekt. Powder steht für eines der schönsten Gefühle, für meine Passion. Andererseits passieren immer wieder schlimme Unglücke im Tiefschnee. Man darf den Respekt vor dem Berg und der Kraft der Natur nie verlieren.
Wie minimieren Sie die Risiken?
Neben dem Wissen und dem Können ist Vertrauen innerhalb der Gruppe wichtig, um sich am Berg sicher bewegen zu können. Es braucht Willen und Zeit, eine Tour sorgfältig vorzubereiten und durchzuführen. Das sind zwei Faktoren, die leider immer mehr in den Hintergrund rücken. In unserer Gesellschaft haben wir das Gefühl, alles kaufen zu können.
Welche Rolle spielt der Wille?
Der Wille wird von vielen unterschätzt, wenn es ins Backcountry geht. Eine Tour fordert einen sehr stark: Wenn man nicht nur hinterherlaufen, sondern aktiv und bewusst an dieser Tour teilnehmen und mitentscheiden will, dann braucht es unbedingten Willen. Ich denke, für Frauen ist der Wille noch wichtiger.
«Es braucht Willen und Zeit, eine Tour sorgfältig vorzubereiten und durchzuführen. Das sind zwei Faktoren, die leider immer mehr in den Hintergrund rücken.»
Wieso? Gibt man Ihnen am Berg zu spüren, dass Sie eine Frau sind?
Eine reine Frauengruppe ist immer noch etwas Aussergewöhnliches. Das merke ich immer wieder. Und manchmal ist es anstrengend und mühsam und traurig, was man sich da anhören muss.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Die scheinbar harmlose Frage «Wo ist denn euer Bergführer?». Es ist also im Jahr 2026 immer noch nicht selbstverständlich, dass eine Frauengruppe mit einer Bergführerin unterwegs ist.
Wie gehen Sie damit um?
Wir legen grossen Wert darauf, dass wir uns in unserer Gruppe und in unseren Kursen gut aufgehoben fühlen und eine Atmosphäre von Sicherheit und Unterstützung schaffen. Dann können wir das mit Humor und als Ansporn nehmen.
Was machen Ihre Kurse aus? Worum geht es bei den Chixxs?
Das Wichtigste ist mir das gemeinschaftliche Erlebnis. In einer Gruppe, in der jede sein darf, wie sie ist. In einer Atmosphäre, in der es keine dummen oder falschen Fragen gibt. Das Ziel ist es, dass die Frauen ihre ganze Weiblichkeit ausleben können. Der Zyklus kann und darf ebenso ein Thema sein wie spezifische weibliche Bedürfnisse oder auch Ängste. Eine Botschaft, die mir dabei wichtig ist: Unser Wille ist der Grundstein, der alles möglich macht. Mit unserem Willen wachsen auch unsere Möglichkeiten.
Gibt es ein Schlüsselerlebnis, bei dem Sie gemerkt haben: Was ich mache, macht Sinn und Freude?
Ja, das gibt es. Und zwar ereignete sich das schon ganz zu Beginn, beim ersten Kurs, den ich mit Chixxs on Board angeboten habe. Es war ein Longboard-Kurs am Rigiblick in Zürich, 30 Frauen hatten sich angemeldet. Die Kursleiterin und ich haben am Treffpunkt gewartet und uns gesagt: Wenn nur drei Frauen tatsächlich auftauchen, wäre das ein riesiger Erfolg. Es kamen alle 30.
Weshalb waren Sie unsicher?
Weil ich erst dann realisiert habe, dass ich mit meinen Bedürfnissen nicht alleine bin. Weil ich erst dann realisiert habe, welches Potenzial und welchen positiven Impact unsere Kurse haben. Wenn ich das heute, mehr als zehn Jahre später, erzähle, fühle ich immer noch ein Kribbeln. Das war definitiv ein Schlüsselmoment.
Was war Ihre beste Finanzentscheidung?
Dass ich den Mut hatte, mich selbstständig zu machen. Das erlaubt es mir, finanziell unabhängig zu sein, und ermöglicht mir grosse Freiheiten.
Was gibt Ihnen finanzielle Sicherheit?
Ich bin privilegiert aufgewachsen. Als ich mich selbstständig gemacht habe, wusste ich: Sollte es schiefgehen, kann ich auf die Unterstützung meiner Familie zählen. Mir ist es sehr wichtig, dass ich diese Hilfe nicht in Anspruch nehmen muss. Aber natürlich ist das Wissen um diese Sicherheit sehr beruhigend.
Die 35-jährige Unternehmerin lebt in Dällikon im Zürcher Unterland und ist Mutter eines sechsjährigen Sohnes. Sie ist passionierte Skaterin und Snowboarderin, aber keine Bergführerin: Sie organisiert und begleitet Kurse und Touren, leitet sie aber nicht.
Was ist das Beste daran, Unternehmerin zu sein?
Dass ich mir meine Zeit frei einteilen kann. Es erlaubt mir, neben einer Unternehmerin auch Mutter zu sein. Das ist mir sehr wichtig. Ich will da sein, wenn mein Sohn von der Schule nach Hause kommt. Und es ist natürlich ein riesiges Privileg, das Unternehmerische mit meinen Passionen, dem Skaten und Boarden, verbinden zu können. Etwas überspitzt gesagt: Wenn ich Lust verspüre, im Schnee zu biwakieren, dann packe ich das in einen Kurs, Frauen melden sich dafür an und wir können das zusammen erleben.
Was bedeutet für Sie Selbstbestimmung?
Das ist eine schwierige Frage. Manchmal fühle ich mich als Ein-Frau-Betrieb fremdbestimmt, gerade weil ich alles selbst entscheiden und auch machen muss. Ich kann weder die Entscheidungen noch ihre Konsequenzen delegieren. Selbstbestimmung ist für mich verbunden mit den Freiheiten, die ich mir rausnehmen kann. Und sei es nur, eine halbe Stunde joggen zu gehen und den Kopf freizukriegen.
Und im finanziellen Bereich?
Als Frau, Mutter und Unternehmerin ist mir finanzielle Stabilität sehr wichtig. Ich will jetzt und in Zukunft eigenständig für mich sorgen können. Ich investiere zum Beispiel möglichst viel in die Vorsorge, damit wir als Familie sorgenfrei in die Zukunft schauen können.
Was suchen Sie, wenn Sie durch den Schnee auf einen Gipfel stapfen?
Es kommt vieles zusammen. Ruhe, Abstand, ein Stück weit sicher auch Freiheit.
Wie viel haben Geld und Freiheit miteinander zu tun?
Geld bedeutet mir wenig, manchmal erschreckend wenig. Freiheit bedeutet mir alles. Aus meinem Alltag ausbrechen zu können, an einen Ort wie hier oben zu kommen und das zu tun, was ich am liebsten tue, das bedeutet für mich Reichtum. Es ist nicht etwas Materielles, sondern dass ich mir etwas gönnen kann, das mir guttut. Aber natürlich: Freiheit ohne Geld ist schwierig.
Tanja Good
Tanja Good gründete vor 13 Jahren Chixxs on Board. Nach einer Lehre als Coiffeuse arbeitete sie in einem Outdoor- und Bergsportgeschäft und stellte dabei fest, wie stark dieses Umfeld technisch geprägt und männlich dominiert ist. Aus diesem Eindruck heraus begann sie, in einem Blog Bergsportthemen aus weiblicher Perspektive zu behandeln. Schnell zeigte sich: Angebote, die sich gezielt an Frauen richten, fehlten weitgehend. Der erste Kurs von Chixxs on Boards fand am Zürichberg statt, es war ein Longboard-Kurs. Die 35-Jährige lebt in Dällikon im Zürcher Unterland und ist Mutter eines sechsjährigen Sohnes. Sie ist passionierte Skaterin und Snowboarderin, aber keine Bergführerin: Sie organisiert und begleitet Kurse und Touren, leitet sie aber nicht.
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