Ramona Fattini liebt Märchen. Seit gut einem Jahr führt die 36-jährige Schauspielerin die renommierte Zürcher Märchenbühne. Ihr grösster Wunsch: dass die reale Welt sich ebenfalls etwas märchenhafter entwickelt.

Die Schuhe von Kasperlis Freund Seppli nehmen an diesem Mittwochmorgen viel Raum ein. Da stehen eine Schauspielerin, eine Maskenbildnerin, eine Kostümbildnerin, der Regisseur und die Produzentin des Kindermärchens «Räuber Hotzenplotz» beieinander und vergleichen grobes Lederschuhwerk. «Details sind entscheidend», sagt die Leiterin der Zürcher Märchenbühne, nachdem die Wahl auf ein Schuhpaar gefallen ist.

Ramona Fattini, Sie haben als Schauspielerin und Leiterin der Zürcher Märchenbühne verschiedene Hüte an. Welcher passt Ihnen am besten?
Ramona Fattini: Das ist schwer zu sagen. Ich wollte immer Schauspielerin werden. Das Produzieren und die Arbeit hinter der Bühne sind erst mit den Jahren interessanter für mich geworden. Heute organisiere und plane ich extrem gerne. Die Abwechslung ist für mich mittlerweile eine grosse Bereicherung.

«Wenn der Vorhang aufgeht, taucht man in eine Art Bilderbuch ein. Die Kostüme, die Bühnenbilder, die Musik, das Schauspiel selbst – alles ist eins, alles ist üppig und reich.»

Sie haben ein grosses Erbe angetreten. Wird Ihnen das nie zur Last?
Ich hätte es mir nie erträumt, die Zürcher Märchenbühne zu übernehmen. Aber ich mache es wirklich gerne und ich gebe mein ganzes Herzblut rein. Und dadurch, dass mich meine Vorgänger Erich Vock und Hubert Spiess da irgendwie insgeheim an die Aufgabe herangeführt haben und ich als Schauspielerin, als Regieassistentin und als persönliche Assistentin alle Aufgaben kennenlernen konnte, war ich schliesslich ziemlich gut vorbereitet – ohne es mir bewusst zu sein. Wir haben auch eine ähnliche Auffassung von Theater, die ich nun in meinem eigenen Stil weiterentwickle.

Was bedeutet diese Auffassung?
Dass die Kinder verzaubert werden sollen. Wir wollen mit jedem Stück eine eigene Welt kreieren. Wenn der Vorhang aufgeht, taucht man in eine Art Bilderbuch ein. Die Kostüme, die Bühnenbilder, die Musik, das Schauspiel selbst – alles ist eins, alles ist üppig und reich.

Was heisst das für die Mitwirkenden?
Detailarbeit. Alles ist wichtig. Man diskutiert lange über einen Schuh, über die Länge einer Hose, über die Form einer falschen Nase, darüber, wie etwas ausgesprochen wird und wo jemand stehen soll.

Wieso sind Sie eigentlich beim Märchen gelandet?
Ich war schon immer ein grosser Märchenfan. Die Walt-Disney-Filme, die Gebrüder Grimm. Mit sieben ging ich dann zu Claudia Corti ins Ballett am Stadttheater Winterthur. Meine erste Rolle war eine Jasskarte in «Die Schöne und das Biest». Ich hatte nur einen Miniauftritt, konnte aber das gesamte Stück auswendig, alle Rollen, derart hat mich die Geschichte in ihren Bann gezogen. Seither sind Märchen mein Ding und die Zürcher Märchenbühne schliesslich mein Ziel als Schauspielerin.

Fotocollage: an Lederschuhen bei einer Theateranprobe der Zürcher Märchenbühne, Künstliche Nasen für eine Theateraufführung & Theater Anprobe
Fotocollage: an Lederschuhen bei einer Theateranprobe der Zürcher Märchenbühne, Künstliche Nasen für eine Theateraufführung & Theater Anprobe

Was fasziniert Sie an Märchen?
Dass am Schluss das Gute gewinnt! Das wünschte ich mir manchmal für die Welt ausserhalb der Märchenbühne. Ausserdem liebe ich die Figuren. Alles starke Charaktere. Ich denke immer: Ich würde eigentlich alle gerne spielen.

Ramona Fattini sitzt im Theatersaal im Theater am Hechtplatz
Die Moral war auch der Grund, warum ich zuletzt «Frau Holle» inszenieren wollte. Gerade in der heutigen Zeit ist es wichtig, Werte wie Nächstenliebe und Respekt zu vermitteln.

Worauf muss man achten, damit die Kinder mitgehen?
Kinder sind das ehrlichste Publikum. Sie sagen dir sofort, wenn ihnen langweilig ist oder irgendetwas nicht gefällt. Man muss sie von Anfang an packen. Sie müssen sich fragen, wie die Geschichte ausgeht – auch wenn sie diese zum Teil schon kennen.

Welche Rolle spielt die Moral?
Eine sehr zentrale. Die Moral war auch der Grund, warum ich zuletzt «Frau Holle» inszenieren wollte. Gerade in der heutigen Zeit ist es wichtig, Werte wie Nächstenliebe und Respekt zu vermitteln.

Welchen Stellenwert hat Selbstbestimmung für Sie?
Einen grossen. Wenn man den Weg der Schauspielerei wählt, dann lässt man sich ein Stück weit auf Ungewissheiten ein. Unregelmässige Arbeitszeiten, unregelmässiges Einkommen, keine Sicherheit. Das kann einem Angst machen – oder man kann es als Chance begreifen, sich immer wieder neu zu erfinden. Jetzt, mit der eigenen Firma, geht das noch einen Schritt weiter. Ich trage Verantwortung, habe Angestellte, muss mit dem Druck umgehen, dass regelmässig Geld reinkommen muss.

Ist das mit Angst verbunden?
Angst nicht. Das wäre ein komischer Begleiter. Aber viel Respekt.

Ramona Fattini als Pechmarie im Theater am Hechtplatz
Ramona Fattini als Pechmarie im Theater am Hechtplatz

Schauspielerin, Inhaberin, Produzentin: In der Zürcher Märchenbühne hat Ramona Fattini mehrere Hüte auf.

Haben Sie heute mehr finanzielle Sicherheit oder weniger?
Das kommt sehr drauf an. Zuerst ist da mal das Risiko: Beim Produzieren kann man viel Geld verlieren, aber auch gut verdienen. Bei mir geht es jetzt darum, ein Polster für kommende Produktionen aufzubauen. Reich wird man damit nicht.

War Geld in Ihrer Kindheit in der Familie ein Thema?
Ja, das war es. Meine Eltern haben mir einen sehr bewussten Umgang vermittelt. Als ich in der Schauspielschule war und mein erstes eigenes Konto hatte, mussten meine Geschwister und ich Buch über all unsere Ausgaben führen. Es gab nicht einfach alles. Wenn ich einen neuen Disney-Film haben wollte, musste ich sparen.

«Während der Schauspielschule gab es Momente, an denen ich unterwegs Durst hatte und ich mich trotzdem bewusst dafür entschied, mir kein Getränk zu kaufen. Einfach, um zu sparen.»

Sie sind letztes Jahr nicht nur Unternehmerin, sondern zeitgleich auch Mutter geworden.
Dass wir eine Familie gründen wollten, war für meinen Mann und mich klar. Dass dann gleichzeitig die Übernahme über die Bühne ging, war Schicksal. Wir haben lange diskutiert, wie das aneinander vorbeigeht.

Und, wie geht es aneinander vorbei?
Mein Mann hat nach den vier Monaten Mutterschaftsurlaub vermehrt die Betreuung unseres Sohnes übernommen, während ich für «Frau Holle» geprobt habe. Ausserdem sind meine Eltern eine grosse Hilfe.

«Beim Produzieren kann man viel Geld verlieren, aber auch gut verdienen. Bei mir geht es jetzt darum, ein Polster für kommende Produktionen aufzubauen.»

Hat sich Ihr Verhältnis zu Geld geändert, seit Sie ein Kind haben?
Nicht grundlegend, nein. Ich war schon immer sehr sparsam und habe mir immer zweimal überlegt, ob ich etwas kaufen soll. Dadurch, dass ich immer auf das Geld schauen musste, bin ich da besonders sensibilisiert. Während der Schauspielschule gab es Momente, an denen ich unterwegs Durst hatte und ich mich trotzdem bewusst dafür entschied, mir kein Getränk zu kaufen. Einfach, um zu sparen. Je mehr Arbeit ich als Schauspielerin hatte, desto schöner war es, wenn man sich etwas leisten konnte. Aber ich bin immer noch nicht so, dass ich das Geld einfach ausgebe. Ich denke eher: Man weiss ja nie.

Was würden Sie sich leisten, wenn Sie könnten?
Ein Eigenheim. Ob das je machbar sein wird, können wir nicht abschätzen. Aber es wäre auch nicht so schlimm, wenn’s dann nicht klappen sollte: Wir sind schon heute privilegiert, können uns Ferien, eine schöne Wohnung und ein Auto leisten und beide unseren Traumberuf ausüben.
 

Fotocollage: Ramona Fattini setzt eine Theaterperücke auf und schminkt sich, Pinnwand mit diversen Fotos
Fotocollage: Ramona Fattini setzt eine Theaterperücke auf und schminkt sich, Pinnwand mit diversen Fotos

Was war Ihre beste Finanzentscheidung?
(überlegt lange) Ein Sparkonto zu haben. Und damit verbunden: der Kauf der Märchenbühne. Das ist ein grosser Brocken für mich – aber auch ein grosser Segen.

Wie stehts um Ihre Vorsorge?
Ganz okay, glaube ich. Ich habe im Rahmen meiner Möglichkeiten vorgesorgt und werde es weiterhin tun.

Wie lange kann man den Menschen eigentlich Märchen auftischen?
Ewig. Da gibt es zum Glück keine Grenze. Aber klar: Die Kinder verstehen ab einem gewissen Alter schon, dass es sich da um Schauspielerinnen und Schauspieler und um Fiktion handelt. Das macht aber nichts: Für viele bewahren die Märchen auch dann ihre Faszination.

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