Raffaele Sutter ist Gastgeber, Gestalter, Pflegevater und Familienmensch. Den über Zürich hinaus bekannten «Franzos» eröffnete er vor zwölf Jahren. Heute bewegt er sich zwischen Gastrobetrieb, Bauprojekten zu Hause und Familienalltag. Wir haben den Wahlzürcher getroffen und mit ihm über sein Lebensprojekt gesprochen.
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Wer den «Franzos» betritt, steht für einen Moment nicht mehr am Limmatquai, sondern gefühlt mitten in Paris. Im Zürcher Niederdorf hat Raffaele ein kleines französisches Bijou geschaffen – aus Machergeist, Erfahrung und dem richtigen Bauchgefühl.
«Der ‹Franzos› ist französischer als Frankreich.» Es geht nicht um Klischees, sondern um Tiefe – Piaf, Gainsbourg, Belmondo, Bardot. Bilder, die Geschichten erzählen.
Verwurzelt und voller Tatendrang
Aufgewachsen im Appenzellerland, zwischen Bergen, Natur und Kühen, trägt Raffaele seine Kindheit bis heute in sich. Sie gibt ihm Bodenhaftung – und dieses ruhige Grundvertrauen, das man braucht, wenn man Dinge einfach macht. Er beschreibt sich als lebensfreudig, kreativ, aufgestellt. Er lebt in Zürich in einer Partnerschaft und ist Pflegevater von insgesamt drei Kindern – und Bongo, dem Familienhund.
Wie Raffaele in die Gastronomie kam
Raffaele liebte es schon immer, Restaurants zu entdecken. In Paris, seiner Lieblingsstadt, besucht er an einem Tag manchmal bis zu sieben Lokale, beobachtet Abläufe, Stimmung und Konzepte. Ihn interessiert, was funktioniert – und warum. Gastronomie ist für ihn mehr als ein Beruf: Er will Orte schaffen, an denen man sich wohlfühlt. Auch privat geniesst er gute Küche, auswärts oder zu Hause, wenn er Freunde und Familie zu sich einlädt und die Rolle des Gastgebers übernimmt.
Wie der «Franzos» entstand
Der Ursprung des «Franzos» liegt in Genf. Neun Jahre lebte Raffaele dort – in einer Stadt, die sich oft französischer anfühlt als schweizerisch. Von dort aus unternahm er regelmässige Trips nach Paris, manchmal nur für ein spontanes Wochenende. In dieser Zeit verliebte er sich in die französische Lebensart: in das Essen, die Kultur, die Sprache, dieses besondere Savoir-vivre. Und das, obwohl ihm Französisch in der Schule nie leichtfiel. Genf änderte das.
Zurück in Zürich, war Raffaeles grösster Wunsch klar: «Ich wollte ein Stück Frankreich nach Zürich bringen.» Ein Ort, der sich anfühlt wie ein kleines Pariser Bistro – lebendig, charmant, ein wenig laut und unverkennbar französisch.
Warum der «Franzos» in Zürich funktioniert
In Zürich wartete niemand auf ein weiteres französisches Restaurant. Genau deshalb brauchte es eine klare Aussage. Beim «Franzos» ist sie eindeutig: französische Bistroküche, Authentizität, Nähe und Tempo. Das gefällt nicht allen – und das muss es auch nicht.
Als Raffaele damals Freunden und Bekannten von seinen Plänen erzählte – kleiner Laden, hohe Miete –, sagten viele: Das klappt nie. Heute ist aber genau das Teil der Magie. Das Lokal liegt super zentral. Die Gäste sitzen eng, teilen Tische, kommen ins Gespräch. Studierende neben älteren Gästen, und manchmal endet es damit, dass jemand dem anderen einen Drink spendiert.
Im «Franzos» kann man den ganzen Tag verbringen. Von morgens früh bis abends spät.
«Gastronomie ist für mich kein Job, sondern ein Lebensinhalt.»
«Ich will einen Ort erschaffen, der Menschen aus dem Alltag holt. Wärme, ein bisschen Lärm, ein bisschen Frankreich.»
Im «Franzos» hat jedes Bild seine Geschichte: Jean-Paul Belmondo hängt neben Brigitte Bardot und schaut ihr sehnsüchtig nach. Die beiden verband einst eine Liaison.
«Ein Ort muss etwas auslösen – sonst bleibt er austauschbar.»
Hier wird Handwerk gelebt: Die Menütafeln sind von Raffaele persönlich von Hand geschrieben.
Herausforderungen in der Zürcher Gastronomie
Die grösste Herausforderung sieht Raffaele beim Personal. Seit Corona ist der Markt deutlich ausgedünnt, qualifizierte Mitarbeitende sind schwierig zu finden. Gleichzeitig sind die Erwartungen gestiegen und viele bleiben nur noch für eine gewisse Zeit und ziehen dann weiter. Aber das Team ist ein zentraler Erfolgsfaktor. Die Stimmung im Betrieb, der Umgang miteinander, die Qualität im Service – all das spürt der Gast sofort.
Daneben gibt es die klassischen Herausforderungen der Gastronomie: hohe Mieten, tiefe Margen, steigende Kosten und technische Geräte, die im Dauerbetrieb irgendwann ausfallen. In solchen Situationen ist Raffaele präsent – als Gastgeber, Organisator und Troubleshooter. Geregelte Arbeitszeiten gehören für ihn als Inhaber nicht zum Alltag.
Was Raffaele antreibt
Während Corona wurde Raffaele etwas Entscheidendes bewusst: Der «Franzos» ist für viele mehr als «nur» ein Ort zum Essen. Er ist Teil des Alltags, ein wichtiger Treffpunkt. Briefe, Geschenke und Unterstützungsangebote zeigten ihm, wie wichtig der Franzos für viele Menschen ist. Gäste kommen aus dem Ausland zurück und stehen mit dem Koffer zuerst im «Franzos», ehemalige Studierende kehren Jahre später zurück und erzählen von ihrer früheren Zeit.
Trotz aller Herausforderungen ist genau das seine tägliche Motivation. Wenn er sein Lokal betritt, die Stimmung spürt, die Freude der Gäste sieht und merkt, dass er Menschen den Tag ein wenig verschönern kann. Das ist sein Antrieb.
Gestaltung ist bei ihm kein Zufall
Raffaele kommt aus der Gestaltung – und das von klein auf. Kreativität liegt in seiner Familie: Eltern und Grossväter waren künstlerisch tätig. Der Weg an die Kunstgewerbeschule war für ihn selbstverständlich, ebenso die Ausbildung zum Dekorationsgestalter bei Globus, wo er später bis zum Head of Visual aufstieg. Dort lernte er, Räume zu inszenieren und Menschen eintauchen zu lassen.
Dieses Gespür prägt ihn bis heute. Im «Franzos» arbeitet er mit allen Sinnen: Musik, Sprache, Gerichten, Bildern, Service. Sein schönstes Kompliment hört er immer wieder: «Der Franzos ist französischer als Frankreich.» Es geht nicht um Klischees, sondern um Tiefe – Piaf, Gainsbourg, Belmondo, Bardot. All die Bilder an der Wand des «Franzos» erzählen ihre eigene Geschichte.
«Fast alle Böden habe ich hier selbst verlegt. Wir haben neue Riemenböden eingebaut – so wie sie ursprünglich in alten Häusern üblich waren.»
Bilder sind für Raffaele Geschichtenerzähler – jedes einzelne trägt seine eigene Geschichte in sich.
Seit wenigen Monaten lebt die fünfköpfige Familie hier, vieles ist noch provisorisch, doch der Flur trägt bereits Raffaeles Handschrift.
Wäre Raffaele nicht in der Gastronomie gelandet, wäre Innenarchitekt sein Traumberuf gewesen. Am liebsten würde er alte Häuser kaufen und sie selbst renovieren.
Die neue Küche zeigt Raffaeles Gespür für Einrichtung – ein Raum, der Wärme ausstrahlt und sofort zu einem Zuhause wird.
Der Macher: selber bauen, selber umsetzen
Wenn Raffaele eine Idee hat, lässt sie ihn nicht los. Und oft setzt er sie auch direkt um. Den «Franzos» baute er in nur sieben Wochen selbst um – Tag und Nacht, gemeinsam mit seinem Geschäftspartner. Dieses Prinzip lebt er auch privat. Seit über 20 Jahren wohnt er im Kreis 5 in einem kleinen Arbeiterhäuschen, das rund 100 Jahre älter ist als er selbst. Aktuell erfüllt er sich dort einen weiteren Traum: Er renoviert das Haus für seine Familie.
Vieles hat er selbst gemacht: alte Böden freigelegt, Täfer gerettet, die ursprüngliche Seele des Hauses wieder sichtbar gemacht. «Alles, was irgendwie ging, haben wir erhalten oder renoviert. Ganz sanft, damit das Haus mit seiner eigenen Schönheit weiterleben kann.» Seit ein paar Monaten wohnt die Familie im Haus – noch ist nicht alles fertig. Lampen fehlen, Sockelleisten auch. Projekte gibt es viele. Und genau das treibt Raffaele an.
Raffaeles Motto: Altes respektieren, mit Neuem verbinden – damit es nicht verstaubt, sondern lebt.
Raffaele lebt gemeinsam mit seinem Partner Mitch und den drei Kindern im Zürcher Kreis 5 – und Bongo, dem Familienhund.
Privat: Familie im Zentrum
Raffaele kam unerwartet zu seinen Kindern – «wie eine Jungfrau», sagt er selbst. Sein Partner Mitch ist Sozialpädagoge und brachte bereits Pflegekinder mit in die Beziehung. Dass sie gemeinsam als Familie leben würden, war von Anfang an klar. Heute sind sie zu fünft: Der Älteste wird bald 18 und macht eine Kochlehre, dazu zwei Jungs im Alter von sieben und acht Jahren – und Hund Bongo. Die Familie hat Raffaeles Blick aufs Leben verändert. Arbeit und Ausgehen sind nicht mehr alles. Viele Dinge, die ihm als Kind wichtig waren, sieht er heute wieder in seinen Kindern.
«Wir sind eine unkonventionelle Familie und gleichzeitig sind wir das auch nicht. Ich arbeite 100 Prozent. Mein Partner arbeitet Teilzeit, weil er sich um die Kinderbetreuung kümmert», erklärt Raffaele. Schlussendlich möchten er und sein Partner für die Kinder vor allem eins sein: Eltern. Wie alle Kinder brauchen sie möglichst viel Liebe und Aufmerksamkeit, aber auch ein bisschen Grenzen und Schranken.
Raffaele und Mitch sind eine unkonventionelle Familie – und zugleich ganz konventionell. Raffaele arbeitet 100 Prozent, Mitch Teilzeit, weil ein grosser Teil der Kinderbetreuung bei ihm liegt.
Mit den Kindern hat sich Raffaeles Blick erweitert – seine Familie gibt seinem Leben heute eine neue, zentrale Bedeutung.
Vorsorge gehört dazu
Für das Alter hat Raffaele bewusst vorgesorgt. Gerade als Selbstständiger ist das zentral, denn eine Pensionskasse gibt es für ihn nicht automatisch. Verantwortung zu übernehmen und gut zu haushalten, ist für ihn Grundvoraussetzung. Nach den fordernden Corona-Jahren und jetzt, da es finanziell wieder aufwärtsgeht, investiert er – so viel wie nur möglich – in die Säule 3a. Um sich zusätzlich abzusichern und neben der obligatorischen Altersvorsorge Spielraum zu haben.
Auch bei seinen Mitarbeitenden ist ihm das Thema wichtig. «Ich versuche, gerade junge Leute früh dafür zu sensibilisieren, auch wenn die Pensionierung noch weit weg ist.» Raffaele achtet darauf, dass sein Team gut versichert ist und im Alter abgesichert bleibt.
Was finanzielle Selbstbestimmung für ihn bedeutet
Finanzielle Selbstbestimmung heisst für Raffaele, Freiraum zu haben. Sich bewegen zu können, Entscheidungen nicht aus finanziellen Zwängen treffen zu müssen und nicht ständig daran erinnert zu werden, was gerade nicht möglich ist.
Zahlen und Fakten rund um den «Franzos»
Der «Franzos» wurde vor zwölf Jahren gegründet. Im Bistro finden rund 28 Gäste drinnen Platz, draussen weitere 25, die angrenzende Crêperie «Et sa cousine» bietet nochmals etwa 15 Sitzplätze. Trotz der kleinen Grösse beschäftigt der Betrieb rund 32 Mitarbeitende. Das Bistro ist sieben Tage die Woche von morgens bis abends geöffnet. Geführt wird der «Franzos» von Raffaele gemeinsam mit seinem Schwager Marc-Antoine Käppel: Raffaele ist als Frontmensch nah bei den Gästen, Marc-Antoine übernimmt Administration, Löhne, Versicherungen und Finanzen. Eine klare Aufteilung, die nicht nur den Betrieb trägt, sondern dem «Franzos» erlaubt, genau das zu bleiben, was er ist: persönlich, lebendig und aus Überzeugung geführt.
Und eine Anekdote zu Raffaele
Warum heisst ein Appenzeller mit einem französischen Bistro eigentlich Raffaele? Der Name hat familiäre Wurzeln: Seine Mutter ist halb Argentinierin, halb Italienerin. Sein voller Name lautet Raffaele Federico Santiago Sutter – Federico und Santiago hat er von seinem Grossvater und seinem Urgrossvater geerbt. In Genf und im französischsprachigen Umfeld wird er oft Raphaël genannt. Irgendwann hat er aufgehört, das zu korrigieren – und lebt heute ganz entspannt mit mehreren Namen. Zumal viele ohnehin glauben, er sei der «Franzos» höchstpersönlich.
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Bilder: Philip Brand
Video: Roland Kessler