Mit seinem ersten eigenen Film wurde Roman Hodel direkt nach Venedig eingeladen, dann kam die Corona-Krise. Nun ist «Das Spiel» an den Solothurner Filmtagen zu sehen. Was den Filmemacher trotz Pandemie glücklich macht und wieso sich Erfolg nur teilweise berechnen lässt, sagt er im Interview.

«Das Spiel» ist ihr erster eigener Dok-Film und ein grosser Erfolg, nicht zuletzt durch die Premiere in Venedig. Dann kam Covid-19, Anlässe wurden abgesagt, Kinos geschlossen. Wie gehen Sie mit dieser herausfordernden Situation um?
Ja, ich verpasse die Besuche vieler toller Festivals, und mir fehlen die Begegnungen mit interessanten Leuten - nicht zuletzt mit dem Publikum. Im Dezember letzten Jahres konnte ich noch in Kairo am «International Film Festival» teilnehmen, dem ersten Festival mit Publikum seit Venedig. Es war wunderbar!
Die aktuelle Situation zeigt, wie wichtig Festivals und Kinos sind. Sie bieten ein gemeinsames Erlebnis, welches das Home-Cinema niemals ersetzen kann. Persönlich habe ich mich in der aktuellen Lage eingerichtet: Ich bin 31, habe keine Kinder und in der Schweiz geht es den meisten gut.

Die Auswirkungen auf die Kultur und Kreativwirtschaft sind enorm. Wie muss man sich die Arbeit als Filmschaffender derzeit vorstellen?
Ich habe Glück im Unglück. Einerseits wird es immer mal wieder schwierig, wenn Aufträge abgesagt werden, die ich zur Finanzierung meines Lebens brauche. Andererseits bin ich sehr happy, dass «Das Spiel» gerade noch vor der ersten Welle fertig wurde, denn der Film würde in einem leeren Stadion nicht funktionieren.

Ihr Dok-Film erzählt die Geschichte eines Fussball-Schiedsrichters, der die ganze Energie des vollen Berner Stadions lenkt. Weshalb haben Sie den Fokus auf diese Figur gerichtet?
Von einer Fussball-WM oder EM lasse ich mich emotional mitreissen - und habe mich öfters dabei ertappt, wie ich den Schiedsrichter vor Kollegen verteidige. Ansonsten habe ich nur wenig mit Fussball zu tun. Trotzdem fasziniert mich die Person des Schiedsrichters. Warum tut man sich das an und ist der Prellbock der Emotionen? Gleichzeitig weiss man sehr wenig über diese spezielle Figur. Was er sagt, wie die Spieler reagieren, das ist das letzte Geheimnis auf dem Platz. Daraus ergab sich ein spannendes Konzept. Und als ich den Schiedsrichter Fedayi San kennenlernte, war klar: diesen Film will ich unbedingt machen.

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«Die Person des Schiedsrichters fasziniert mich. Warum tut man sich das an und ist der Prellbock der Emotionen?»
Roman Hodel, Filmschaffender

Wie war es, den ersten Film zu realisieren?
Eine super Erfahrung, die allerdings viel Nerven kostete. Es waren sehr viele Gespräche notwendig, um das vorherrschende Misstrauen zwischen Fussball und Medien zu überwinden. Wir mussten klar machen, dass wir niemanden in die Pfanne hauen wollen. Trotzdem sagte ein Club nach langer Vorbereitung ab und wir wurden um Monate zurückgeworfen. Mit den Berner Young Boys fanden wir schliesslich einen Club, mit dem wir das Projekt professionell umsetzen konnten. Und mit Fedayi San hatten wir einen tollen Protagonisten. Dank ihm fanden wir uns in dieser komplexen Welt zurecht. Es war sehr bereichernd zu sehen, wie das Projekt langsam wuchs. Am Anfang waren wir zu dritt und gegen Schluss standen dann sechzehn Leute im Stadion und acht Kameras liefen.

«Das Spiel» hat bereits mehrere Awards gewonnen. Ist ein solcher Erfolg berechenbar oder überraschend?
Jein. Während der Produktion und bei den Anträgen für Fördergelder haben wir zwar gemerkt, dass die Story gut ankommt und überrascht. Ist man aber einmal voll im Projekt drin und wochenlang mit dem Schnitt beschäftigt, dann wird es irgendwann schwierig zu erkennen, was tatsächlich fasziniert. Und am Ende sind es immer Jury-Mitglieder, die Preise vergeben. Diesbezüglich kann man nicht damit rechnen, dass alle einen Film gut finden oder sich ein Erfolg wiederholen lässt.

Wie erklären Sie sich im Rückblick den Erfolg?
Der überraschende Einblick in eine unbekannte und spezielle Welt fasziniert. Deshalb interessiert das auch Leute, die sonst nicht Fussball schauen. Und wir hatten grosses Glück mit dem Protagonisten. Er ist nahbar und entspricht nicht den Klischees. Zudem passt das Format des Kurzfilms sehr gut: 90 Minuten Spiel, kondensiert auf 17 Minuten und einen Ort, den wir nur am Ende kurz verlassen.

Aus welchen Erfolgen oder Misserfolgen haben Sie etwas gelernt, das Ihnen heute nützlich ist?
(überlegt lange) Ich habe relativ lange und intensiv als DJ elektronische Musik aufgelegt. Dadurch habe ich das Vertrauen gefunden, Dinge auszuprobieren und auf Leute zuzugehen - auch ausserhalb der Schweiz. Und ich lernte, selbstbestimmt zu arbeiten. Als DJ liebe ich es, den Leuten eine Geschichte zu erzählen, sie zu überraschen und sie an neue Musik heranzuführen. Das ist bei der Arbeit an einem Film ähnlich. Auch dort geht es um die Kunst des Geschichtenerzählens, die Dramaturgie.

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Roman Hodel (1989) absolvierte an der Luzerner Hochschule für Design und Kunst den Studiengang Film und schloss diesen 2014 mit dem Bachelor Video ab. Er arbeitet als Filmemacher und Kameramann. An den Solothurner Filmtagen läuft sein erster eigener Dok-Film «Das Spiel». Mit dieser Produktion wurde Hodel an die internationalen Top-Festivals in Venedig und Toronto eingeladen. Der Kurzfilm erhielt mehrere Auszeichnungen im In- und Ausland.

Wie eigenständig können Sie ihr Leben in dieser aussergewöhnlichen Zeit bestimmen?
Ich fühle mich sehr eigenständig. Als Selbstständiger ist es nicht immer einfach, und man muss sich den Umständen anpassen, auch mal Ferien absagen. Aber ich bin insgesamt sehr frei zu tun, was mich erfüllt.

Sie stehen am Anfang ihrer Karriere. Welcher Moment hat Sie bisher am meisten bewegt oder geprägt?
Es war toll, zwischen der ersten und zweiten Welle nach Venedig eingeladen zu werden. «Das Spiel» war aus über 1300 Einsendungen ausgewählt worden und feierte dort Weltpremiere. Die Premiere mit der Crew in Zürich war emotional jedoch am ergreifendsten. Das Ergebnis jahrelanger hartnäckiger Arbeit gemeinsam mit Freunden, Familie und allen, die mitgewirkt haben zu sehen und zu feiern, das war ein sehr schöner Moment.

Kurz und knapp: Welches ist für sie persönlich der wichtigste Film?
Die langweilige Antwort: «Herr der Ringe». Und sonst: Der Dok «Whores’ Glory» von Michael Glawogger und alle Filme von Ruben Östlund.

...und die beste TV-Serie?
«True Detective» Season 1, mit Matthew McConaughey auf HBO.

Zum Schluss: Was bedeutet für Sie Freiheit?
Das könnte man auf viele Ebenen runterbrechen. In der Schweiz sind wir so frei, das ist unglaublich. Man kann fast alles machen, was man will. Hier kann ich mein Leben so gestalten, wie ich will, ohne unüberwindbare Steine im Weg zu haben und einem Netz, das mich auffängt, wenn es existenzielle Probleme gäbe.

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An den «Solothurner Filmtagen» hat neben den Jurys auch das Publikum eine wichtige Stimme. Seit 2007 wählen die Besucherinnen und Besucher unter den nominierten Schweizer Produktionen ihren Lieblingsfilm. Dieser erhält den «PRIX DU PUBLIC», der mit 20’000 Franken dotiert ist.
Er geht an einen der elf Filme, die 2021 zur Auswahl stehen. Die Stimmen bei der digitalen Ausgabe vergeben die Zuschauerinnen und Zuschauer, die sich einen oder mehrere Filme des PRIX DU PUBLIC über die Online-Plattform angeschaut haben und durch den Kauf des Films oder durch das Einlösen eines Promocodes zur Wahl berechtigt sind. Verliehen wird der «PRIX DU PUBLIC» in Zusammenarbeit mit Swiss Life, der Hauptsponsorin der «Solothurner Filmtage».

Bilder: Dominik Hodel, Andrea Zahler, Lukas Gut
Text: Simon Eppenberger

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