Wie selbstbestimmt bewegen sich Schweizer Jugendliche im Netz? Mira (19) und Nathan (18) erzählen, wie sie mit sozialen Medien umgehen.

Wie nutzt ihr die sozialen Medien?
Mira: Mit der Gruppen-Chat-Funktion von WhatsApp treffe ich Verabredungen mit Freunden, organisiere Konzerte oder kommuniziere mit Bekannten im Ausland. Da ich kein Smartphone mehr besitze, habe ich den Messenger-Dienst auf meinem Computer installiert. Meine Freunde wissen, dass sie mich anrufen oder eine SMS schreiben müssen, wenn etwas dringend ist. Ansonsten schaue ich erst am Abend zuhause drauf. Manchmal nutze ich Facebook, um einen Flyer unserer Theatergruppe zu verbreiten oder Fotos von Reisen zu posten. Zudem schaue ich mir öfter YouTube-Videos an.
Nathan: Ich mache in meiner Freizeit Fotos oder Videos für Partyveranstalter. Meine Arbeiten stelle ich auf Facebook oder Instagram, d. h., ich nutze die sozialen Medien zum Netzwerken. So sieht ein potenzieller Kunde schon ersten Content von mir. Aus beruflichen Gründen bin ich auf LinkedIn, WhatsApp-Gruppen mag ich gar nicht.

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Mira Luttikhuis, 19, Musikstudentin, wohnt in Zürich in einer WG und besitzt kein Smartphone mehr. Sie hat Facebook sowie WhatsApp auf ihrem Computer installiert und wirft erst nach dem Frühstück den ersten Blick auf ihr Handy.

Wie wichtig sind euch Likes?
Nathan: Likes sind und waren mir nie wichtig. Natürlich freut es mich, wenn ich etwas gepostet habe und darauf ein positives Feedback bekomme, doch Likes beeinflussen meine Stimmung nicht.
Mira: Manchmal gibt es zu einem Post auf Facebook lustige Kommentare und das freut mich, aber Likes sind für mich überhaupt nicht wichtig. Ich kann mir aber vorstellen, dass soziale Medien und die Resonanz auf Posts für jüngere Menschen, die vielleicht noch etwas unsicherer sind, eine grosse Bedeutung haben. Es ist ein megaeinfacher Weg, um dazuzugehören.

Wie schützt ihr eure Privatsphäre?
Mira: Ich nutze auf Facebook die Privatsphäreneinstellungen, d. h., nur Freunde können meine Posts sehen. Ich wähle diese aber immer so aus, dass es nicht schlimm wäre, wenn die ganze Welt sie sehen würde.
Nathan: Indem ich nicht so viel preisgebe. Meine oberste Überlegung lautet: Ich poste nichts, wofür ich mich schämen würde.
 

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Nathan Probst, 18, angehender Mediamatiker, pendelt täglich von seinem Wohnort Weesen nach Zürich. Er lässt sich von seinem Smartphone wecken und hat darauf Instagram, Facebook, Snapchat, Spotify, Twitter und LinkedIn installiert.

Empfindet ihr das Smartphone manchmal als Stress?
Mira: Ja, schon. Ich hatte manchmal das Gefühl, ich müsse auf zu viele Nachrichten antworten. Ich war gerade dabei, Rechnungen zu bezahlen, habe mit meiner Geigenlehrerin einen Termin abgemacht und gleichzeitig noch mit Kollegen geschrieben. Das alles hat sich einengend angefühlt. Natürlich gibt es auch sonst im Alltag Dinge, die parallel ablaufen, aber mit dem Smartphone gibt es einfach einen zusätzlichen Stressfaktor.

Nathan, kannst du verstehen, dass es Menschen wie Mira gibt, die sagen «Ich will kein Smartphone mehr»?
Nathan: In gewissen Momenten kann ich das sehr gut nachvollziehen, beispielsweise, wenn das Handy läutet, ständig Nachrichten auf WhatsApp reinkommen und ich einfach meine Ruhe haben möchte. Ich versuche aber, mir keinen Stress zu machen, schaue auch nicht immer drauf und schreibe nur zurück, wenn ich das will. Ich verstehe, wenn man sich online nicht «zumüllen» lassen will. Doch bei mir ist das Smartphone auch von der Arbeit her unverzichtbar. Ich muss präsent sein, um mit Kunden interagieren zu können.

Text: Yvonne Eckert, Bild: Nicola Tröhler


 

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Forschende der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften untersuchen seit 2010, wie Jugendliche in der Schweiz mit Medien umgehen. 2018 ergab die JAMES-Studie, dass 99% der 12- bis 19-Jährigen ein Smartphone besitzen. Messenger-Dienste wie WhatsApp werden am meisten genutzt: 88% der Jugendlichen verschicken täglich Nachrichten damit, die meisten nutzen auch die Gruppen-Chat-Funktion. Rund 87% von ihnen haben einen Account bei Instagram beziehungsweise Snapchat. Drei Viertel bewegen sich täglich auf diesen beiden Plattformen, ein Grossteil davon nutzt sie mehrmals am Tag. In den sozialen Netzwerken werden in erster Linie Fotos, Videos oder Texte von anderen angeschaut und gelikt. Weniger als die Hälfte der Jugendlichen postet mehrmals pro Woche oder häufiger aktiv eigene Beiträge.

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