Von Hand zu weben, hat im Val Müstair eine lange Tradition. In Santa Maria arbeiten seit 1928 Frauen an den Webstühlen der Stiftung Manufactura Tessanda, einer der letzten professionellen Handwebereien der Schweiz. Heute stellen hier noch 15 Mitarbeiterinnen moderne und traditionelle Stoffe her und bestreiten so ihr Einkommen.

«Schon als kleines Mädchen hörte ich im Sommer durch die offenen Fenster die Webstühle, das hat mich fasziniert», erzählt Alexandra Salvett. Als junge Frau wollte sie in Santa Maria bleiben und weil Tessanda ein Traditionsbetrieb im Münstertal ist, machte Alexandra dort eine Schnupperlehre. «Es hat mir auf Anhieb gefallen», sagt die Mutter von zwei Kindern, die mittlerweile selbst Lernende ausbildet und Produktionsleiterin in der Manufaktur ist.

Drei Generationen Weberinnen sitzen in der Holzstube des Hauses an der Plaz d’Ora. Die 92-jährige Laura Pfäffli schaut in der Kaffeepause vorbei und trifft dort auch auf die 18-jährige Asya, die sich zur Gewebegestalterin ausbilden lässt. Die alte Dame hat unter Fida Lori gearbeitet, die 1928 mit dem Dorfpfarrer und einer anderen Lehrerin die Stüva da tesser Val Müstair gegründet hat. Die Chefin war streng, erinnert sich Pfäffli, die zunächst ein Welschlandjahr absolviert hatte. «Als ich zurückkam, ging ich weben. Damals gab es keine andere Möglichkeit für Mädchen, einen Beruf zu lernen.» 17 Jahre sass sie bei Tessanda am Webstuhl – bis zu ihrer Hochzeit.

Nachhaltiges Selbsthilfeprojekt für Frauen in einer Schweizer Randregion: Im Val Müstair verschafft die Manufactura Tessanda den Frauen eine selbstbestimmte Arbeit.

«Schnellschuss mochte ich am liebsten», erzählt die Münstertalerin. Dabei wird das Webschiffchen, welches die Garnspule beinhaltet, mittels einer Zugschnur aktiviert und schiesst so schneller durch die Kettfäden. Der Holzboden vibriert, während die Weberinnen mit ihren Füssen flink über die Tritte tänzeln und die Lade mit ihren Händen regelmässig anschlagen. So entstehen Schuss für Schuss wunderschöne Stoffe.

Der Lärm vom Anschlagen der Lade und den hin- und herrasenden Schiffchen mischt sich mit der Abfolge der Tritte, die die Schäfte auf und ab bewegen und so das Muster entstehen lassen. «Nicht jede Weberin hat denselben Rhythmus», erzählt die Produktionsleiterin. Am Morgen sei man fit und schlage die Schussfäden regelmässig an. «Man muss aber den ganzen Tag denselben Anschlag haben», erklärt die Expertin, «sonst wird das Gewebe nicht gleichmässig.»

Salvett schätzt, dass man beim Handwerk selbst bestimmen kann, wie schnell man etwas macht. «Gerade in der heutigen digitalisierten Zeit geht es mir manchmal einfach zu schnell.» Bei manchen Materialien ist es auch nötig, langsamer zu weben. «Das ist viel schwieriger, als fest anzuschlagen», sagt die 46-Jährige.

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Laura Pfäffli (92) hat 17 Jahre lang in der Stüva da tesser Val Müstair gearbeitet, nach einem Welschlandjahr in den 40er-Jahren: «Als ich zurückkam, ging ich weben. Damals gab es keine andere Möglichkeit für Mädchen, einen Beruf zu lernen.»

Was braucht es, um das Handwerk zu lernen? «Man sollte eher eine ruhige Person sein, die geduldig und ausdauernd ist», meint die Ausbildnerin. Bevor man ein neues Gewebe erstellen kann, muss der Webstuhl bespannt werden – eine aufwändige Arbeit, die bis zu 40 Stunden in Anspruch nimmt. Die Anzahl Kettfäden ergibt die Breite des Stoffes – bis zu 2300 à jeweils 65 Meter können es sein.

Unter Maclaina Botts Händen entsteht ein weissblau karierter Stoff aus Halbleinen, aus dem später Brotsäcklein gefertigt werden. Schon ihre Mutter hat in der Tessanda gearbeitet – die Weberei ist tief verwurzelt im Münstertal. Sie war einst gegründet geworden, um den Frauen in dieser Randregion ein sicheres Einkommen zu ermöglichen. Zuvor konnten sich viele von ihnen hier nur als Magd verdingen.

Maya Repele leitet die Stiftung, die das professionelle Handweben als eigenständigen Beruf erhalten und fördern will. Die 60-Jährige beeindruckt der «Wille zur Präzision» der Weberinnen. Diese wollen nur allerbeste Arbeit abliefern und bestimmen so die Qualität der Stoffe. Repele ist es wichtig, dass sich die Frauen auch selbst einbringen und mitbestimmen; in Workshops können sie neue Ideen für Muster und Produkte präsentieren, gemeinsam schaut man, was umsetzbar ist.

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Asya lässt sich zur Gewerbegestalterin ausbilden. Die 18-Jährige erlebt ihre schönsten Momente, wenn sie ein einfaches Muster webt: «Speziell am Weben gefällt mir, immer diesen Rhythmus zu haben. Da ist immer ein Rhythmus und wenn das eine einfache Trittfolge hat, dann kann man auch seinen Gedanken nachhängen und sich vertiefen in etwas.»

Die Manufaktur verschafft auch Grenzgängerinnen aus dem Südtirol ein Einkommen. Irma Theiner verkauft die Produkte im Laden, Lisa Frank leitet die Näherei und ist auch für den Einkauf der Rohgarne zuständig. «Wir sind immer auf der Suche nach neuen, natürlichen Materialien», erzählt sie. So kommt es, dass in den Bergen auch Schals entstehen, die aus einem Material gefertigt werden, das aus dem Meer stammt – aus Algen.

Trotz Planung und Lehrlingsbetreuung versucht Alexandra Salvett, so oft wie möglich selbst zu weben. «Meine liebste Tageszeit ist die, wenn ich zum Weben komme», sagt sie mit einem Strahlen. «Und da ich festlege, wer was webt, kann ich auch selbst bestimmen, welche Stoffe ich fertige», fügt sie augenzwinkernd an. Um die Zukunft des Handwerks macht sie sich keine Sorgen. Im Herbst hat eine neue Lehrtochter begonnen und nächsten Sommer wird Asya ihre Lehre abschliessen. Die 18-Jährige erlebt ihre schönsten Momente bei der Arbeit, wenn sie ein einfaches Muster webt. «Dann komme ich in einen Rhythmus rein und kann meinen Gedanken freien Lauf lassen» – Selbstbestimmung in einer ihrer schönsten Ausprägungen.
www.tessanda.ch

Text: Yvonne Eckert
Bild: Kevin Wildhaber

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Martina Gantenbein, Dipl. Vorsorgespezialistin, Generalagentur Uster

Kontakt: 044 944 50 67, Martina.Gantenbein@swisslife.ch

«Als zweifache Mutter habe ich mit einem reduzierten Arbeitspensum genug Zeit für die Familie und kann trotzdem meine beruflichen Fähigkeiten als langjährige Vorsorgespezialistin einbringen. So weiss ich als Frau genau, auf was ich interessierte Kundinnen in der Beratung hinweisen muss – beispielsweise auf den Umstand, dass wir Frauen trotz Teilzeitarbeit kein BVG haben, weil das Einkommen einfach zu tief ist. Mit unserem Online-Teilzeitrechner lässt sich herausfinden, inwiefern Teilzeitarbeit sich lohnen könnte; Lösungen für die Säule 3a helfen zudem mit, allfällige Lücken zu schliessen. www.swisslife.ch/saeule-3a